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über die große, wahre liebe.

12 Mai

„Flying

Foto von Stefan Georgi

In der Liebe sollten Emotionen die Hauptrolle spielen, doch so mancher resigniert bei diesem scheinbar aussichtslosen Unterfangen. Es ist Zeit für gezieltes Verlieben. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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In der Liebe sollten Emotionen die Hauptrolle spielen, doch so mancher resigniert bei diesem scheinbar aussichtslosen Unterfangen. Es ist Zeit für gezieltes Verlieben.

Es ist die berühmteste Liebesgeschichte, die sich dort auf der Bühne abspielte. Mit magischen Momenten im Kerzenschein, wildem Blutvergießen beim Kampf zwischen den beiden verfeindeten Familien und einer quietschenden Hebebühne als Balkonersatz. Romeo und Julia lieben und leiden momentan im Deutschen Theater und ich bin begeistert (besonders von Natalia Belitski als Mutter Capulet und Tybalt). Meine Begleitung dagegen vermisst die großen Gefühle: War sie das dort auf der Bühne, die große, wahre Liebe? Oder ist das lediglich ein tragisch endender Gefühldusel jugendlichen Überschwangs?

Ob ich mich an die Aquarium-Szene aus der Luhrmann-Verfilmung erinnere, werde ich gefragt. Schon fast 20 Jahre ist es her, dass Leonardo DiCaprio und Claire Danes dort ein Knistern erzeugten, das einem die große, wahre Liebe nahe bringt. Na klar, ich erinnere mich. Ist es das, was wir brauchen, ein riesiges Gefühls-Feuerwerk? Zumindest Michael Nast tut das, sucht in Berlin seine Traumfrau und schreibt dabei mit. So entsteht eine herrliche Sammlung von Anekdoten, die einem die Lachtränen in die Augen treiben und gleichzeitig verdeutlichen, wie aussichtslos dieses romantische Unterfangen ist.

Das Problem ist nicht neu, gerade in Berlin, wo es vor Singles nur so wimmelt. Und dass die Anzahl an Singles hier chronisch hoch ist, verdeutlich umso mehr, dass viele suchende Einzelne anscheinend nicht ausreichen, um viele verliebte Paare zu generieren. Nicola Erdmann von der Zeitung Die Welt empfiehlt deshalb, sich zur wahren Liebe zu zwingen und propagiert die Vernunftehe. Auf Emotionen wird in diesem Fall bewusst verzichtet, denn hier zählt nur der nüchterne Kopf, nicht das unbeständige Bauchgefühl.

„So ein Quatsch… #fürbauchkribbeln“ schreibe ich daraufhin meinem guten Freund Christian, der auch bei der Welt arbeitet. „Habe der Autorin heute persönlich meine Zustimmung ausgesprochen #wirdsowiesonix“ kommt von ihm zurück. Die Resignation trägt anscheinend Früchte und als bekennende Gegnerin der puren Vernunft finde ich das besorgniserregend. Ideal wäre, beides zu verbinden, also große Emotionen auf vernünftige Weise zu entfachen. So ein gezieltes Verlieben funktioniert, glaubt Mandy Len Catron, die mit ihrem Artikel in der New York Times damit kürzlich einigen Wirbel auslöste.

Die Idee dafür kommt aus einem psychologischen Labor: Arthur Aron und Kollegen entwickelten eine Methode, um für Experimente gezielt ein Gefühl von Nähe zwischen zwei Unbekannten hervorzurufen. Wenige Monate später heirateten zwei ihrer Probanden und ihr Vorgehen bewährte sich nicht nur in diesem Einzelfall. Sich in einem 45-minütigen Gespräch zu 36 vorgegebenen Fragen auszutauschen erzeugte bei den Probanden ein Gefühl von Nähe, das sonst erst nach langer Zeit, wenn überhaupt, erreicht wird. Und zwar unabhängig davon, ob die beiden Unbekannten in wichtigen, grundlegenden Fragen übereinstimmten.

Self-disclosure ist hier der Schlüssel zur Nähe und meint die Bereitschaft, Persönliches über sich preiszugeben. Sie gilt als Grundlage der Intimität und eignet sich damit hervorragend zum Beziehungsaufbau. Im Gegensatz zur seriellen Abfertigung beim Speed-Dating macht diese Form des Gesprächs anscheinend sogar Spaß. Vielleicht sollte ich Michael Nast mal davon berichten, eine Art Austausch unter Kollegen, schließlich veröffentlichte er sein Buch ‚Ist das Liebe oder kann das weg?‚ im gleichen Monat wie ich meines zur Suche nach dem kochenden Betthasen; das erzeugt ja schon mal eine gewisse Nähe, da sollte man füreinander da sein.

Zum Weiterlesen

Aron, A., Melinat, E., Aron, E. N., Vallone, R. D., & Bator, R. J. (1997). The experimental generation of interpersonal closeness: A procedure and some preliminary findings. Personality and Social Psychology Bulletin, 23, 363-377.

Nast, M. (2014). Ist das Liebe oder kann das weg? Vom sonderbaren Verhalten geschlechtsreifer Großstädter. Berlin: Ullstein.

Specht, J. (2014). Suche kochenden Betthasen: Was wir aus wissenschaftlichen Studien für die Liebe lernen können. Reinbek: Rowohlt Verlag.

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➲ wenn’s für die wahre Liebe nicht reicht: Ich liebe dich nur wenn du weinst von Billy Rückwärts

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden Dienstag schreibt darin einer von sechs Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

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über die wucht der kleinen dinge.

7 Apr

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Foto von bulletproofbra

Statt einschneidender Lebensereignisse sind es häufig die Kleinigkeiten des Alltags, die über das Wohlbefinden entscheiden. Grund genug, ein wenig nachzuhelfen. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Statt einschneidender Lebensereignisse sind es häufig die Kleinigkeiten des Alltags, die über das Wohlbefinden entscheiden. Grund genug, ein wenig nachzuhelfen.

Dass es häufig gerade die Kleinigkeiten des Alltags sind, die unser Wohlbefinden maßgeblich beeinflussen, das machte mir kürzlich die Berliner Polizei deutlich. Aber von vorn: Es begann an einem Mittwoch im Winter mit einem Wuschelkopf. Der (gar nicht mehr ganz so) Kleine benötigte eine neue Frisur, deshalb ging es nachmittags mit dem Auto in die Stadt. Ein Parkplatz fand sich, nur war der Parkscheinautomat kaputt und nahm kein Geld. Was soll’s, dachte ich mir, fotografierte zum Beweis das defekte Gerät und eilte zum Frisör.

Ein kaputter Parkscheinautomat hält die Mitarbeitenden des Ordnungsamts jedoch nicht davon ab, Strafzettel zu verteilen, die einen Monat später zu einer schriftlichen Verwarnung führen. Das Wohlbefinden sinkt. Unbeantwortet bleibt meine schriftliche Erklärung samt Fotobeweis, dafür folgt ein Bußgeldbescheid mit Strafgebühren und Androhung von Erzwingungshaft. Warum, das beantwortet dann eine Recherche in den Untiefen des deutschen Paragrafendschungels. Da heißt es nämlich: „Ist ein Parkscheinautomat nicht funktionsfähig, darf nur bis zur angegebenen Höchstparkdauer geparkt werden. In diesem Fall ist die Parkscheibe zu verwenden.

Empfehlenswert ist in diesem Fall ein ausgeprägtes Gespür für Details, denn auch ohne Höchstparkdauer muss eine Parkscheibe ausgelegt werden. Der Nutzen davon bei unbegrenzter Parkzeit erschließt sich nicht. Dafür wird unmittelbar deutlich, was Daniel Kahneman und Kollegen meinten, als sie zeigten, dass es nicht etwa die großen Lebensereignisse sind, die regelmäßig unsere Emotionen bestimmen, sondern vielmehr die Anhäufung der Unwägbarkeiten des Alltags. Wobei eine Anhäufung in diesem Fall gar nicht nötig war.

Eine erfolgreiche Maßregelung bietet, das wird Eltern nicht verwundern, Verhaltensalternativen an. Anderenfalls drohen heimliche Wiederholungstaten, denn statt Einsicht bringen unerklärliche Strafen im Allgemeinen einen Dickkopf. Eine Ausnahme gilt in diesem Fall für sogenannte autoritätshörige Personen, die Theodor Adorno und Kollegen in der Mitte des letzten Jahrhunderts mit kritikloser Folgsamkeit charakterisierten. Autoritätshörige Personen halten darüber hinaus bevorzugt an konventionellen Werten fest und tendieren zu Aggressionen gegenüber Minderheiten. Was lässt sich aber lernen, wenn man, wie die meisten, nun nicht zu dieser hörigen Subgruppe gehört?

Abwarten mag eine Strategie sein, um trotz mangelnder Einsicht angepasst zu reagieren. Unsere Persönlichkeit entwickelt sich im Allgemeinen in eine Richtung, die konformes Verhalten begünstigt. In einer Studie haben wir beispielsweise beobachtet, dass die Gewissenhaftigkeit, und damit auch die Wahrscheinlichkeit für vorschriftsmäßiges Verhalten, im Durchschnitt bis zum Alter von 40 Jahren ansteigt. Auch die Verträglichkeit, und damit die Vermeidung von Streit, nimmt im Laufe des Erwachsenenalters zu. Allerdings ist hier Geduld vonnöten, denn große Veränderungen sind erst im hohen Alter zu erwarten.

Um Wiederholungstaten zu vermeiden (und die Umwelt zu schonen) bietet es sich in diesem Fall an, auf Bus und Bahn umzusteigen. Dort lässt sich während der Fahrt auch gleich wunderbar über die Unwägbarkeiten des Alltags schreiben. Denn, wie James Pennebaker gezeigt hat, reichen schon 15 Minuten am Tag aus, um auf diese Weise Wohlbefinden und Gesundheit zu stärken (eine Anleitung dafür gibt es hier). Und wenn, wie in Berlin, die Anreise länger dauert, dann bleibt sogar noch Zeit für Erheiterung mit Telefonstreichen wie denen von Studio Braun. Ich fühl mich jedenfalls gleich viel glücklicher.

Zum Weiterlesen

Kahneman, D., Krueger, A. B., Schkade, D. A., Schwarz, N., & Stone, A. A. (2004). A survey method for characterizing daily life experience: The day reconstruction method. Science, 306, 1776-1780.

Pennebaker, J. W. (1997). Writing about emotional experiences as a therapeutic process. Psychological Science, 8, 162-166.

Specht, J., Egloff, B., & Schmukle, S. C. (2011). Stability and change of personality across the life course: The impact of age and major life events on mean-level and rank-order stability of the Big Five. Journal of Personality and Social Psychology, 101, 862-882.

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➲ über die Herausforderungen des Alltags: ‚Ich will heute nicht kämpfen‘ von Superpunk

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über das gefühl, die kontrolle zu verlieren.

24 Feb

Foto_von_Roland_Peschetz

Foto von Roland Peschetz

Die Kontrolle zu verlieren macht Angst, weil wir dadurch Schlechtes nicht abwenden können. Dabei ist es manchmal hilfreich, einen Kontrollverlust zu akzeptieren. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Die Kontrolle zu verlieren macht Angst, weil wir dadurch Schlechtes nicht abwenden können. Dabei ist es manchmal hilfreich, einen Kontrollverlust zu akzeptieren.

Gerade dann, wenn wieder eine schreckliche Nachricht die Welt erschüttert, wird häufig daran appelliert, nicht dem Gefühl zu erliegen, die Kontrolle verloren zu haben. So auch kürzlich, als der Terroranschlag auf Charlie Hebdo verübt wurde und unser Bundespräsident beim Neujahrsempfang davon sprach, dass wir „weder ohnmächtig noch hilflos“ seien, dass wir gemeinsam der Gewalt entgegenwirken könnten. In seiner Rede klingt das kraftvoll und es macht Mut. Und natürlich können wir gegen Ungerechtigkeit vorgehen, nur lassen sich Tragödien bei aller Vorsicht dennoch nicht verhindern.

Zurück bleibt deshalb aller guten Worte zum Trotz ein Gefühl von Ohnmacht. Dass Herr Gauck genau dort ansetzt und unsere Hoffnung darauf stärkt, Kontrolle über unser Leben zu haben, mag eine Illusion füttern, aber es kann auch schützen, nämlich vor der sogenannten erlernten Hilfslosigkeit. Erlebt ein Mensch wiederholt oder besonders intensiv das Gefühl von Kontrollverlust, so kann ihn das psychisch krank machen. Ein gefährliches Wissen, dass auf perfide Art und Weise auch bei der sogenannten ‚weißen Folter’ Gebrauch findet.

Es überrascht also nicht, dass eine Vielzahl von Studien mittlerweile belegt, dass es Menschen besser geht, wenn sie das Gefühl haben, Kontrolle über ihr Leben zu haben. Sie sind im Allgemeinen zufriedener, erfolgreicher im Beruf und erfreuen sich besserer psychischer und physischer Gesundheit. Ja, sie erholen sich sogar schneller von schwerwiegenden körperlichen Erkrankungen als Menschen, die beim Genesungsprozess auf Schicksal und Glück vertrauen. Es zahlt sich also aus, an die eigenen Einflussmöglichkeiten zu glauben und den Kontrollverlust zu leugnen.

Als ich dies kürzlich in meiner Vorlesung behandelte, kam anschließend ein Zuhörer auf mich zu. Ein älterer Herr, der nach erfolgreicher Universitätskarriere nun sein Interesse für Psychologie entdeckt hatte und der sinngemäß zu mir meinte: „Ich finde, Sie sprechen zu schlecht über das Glück. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann bin ich dankbar für das viele Glück, das ich hatte.“ Ich fand diese rückblickende Dankbarkeit über glückliche Fügungen sehr eindrücklich und sie zeigt, dass sich vieles, das sich unserer Kontrolle entzieht, auch Gutes bringen kann.

Den Kontrollverlust zu akzeptieren ist auch dann von Vorteil, wenn ein Mensch mit einem schweren Schicksalsschlag konfrontiert wird. In einer Studie fanden wir, dass Menschen den Tod ihres Partners dann besser verkraften, wenn sie generell glaubten, ihr Leben hinge nicht von ihrem eigenen Tun, sondern vom Glück oder Schicksal ab. Oder um es mit den Worten vom Regisseur Luc Bondy zu sagen, der in jungen Jahren an Krebs erkrankte: „Wir können machen, was wir wollen, das Leben können wir nicht erhalten, es entzieht sich unserer Kontrolle.

Fraglich ist, ob wir in Situationen, in denen unsere Kontrolle offensichtlich versagt, tatsächlich an unsere Kontrollfähigkeit glauben sollten. Oder ob es besser ist, den Kontrollverlust zu akzeptieren. Der, wie der gute Harald Martenstein so treffend bemerkte, auch eine hervorragende Chance sein kann, denn wäre alles unter absoluter Kontrolle, dann wäre das auch eine Abschaffung des Glücks.

Zum Weiterlesen

Mausfeld, R. (2009). Psychologie, ‘weiße Folter’ und die Verantwortlichkeit von Wissenschaftlern. Psychologische Rundschau, 60, 229-240.

Seligman, M. E. P. (1972). Learned helplessness. Annual Review of Medicine, 23, 407-412.

Specht, J., Egloff, B., & Schmukle, S. C. (2011). The benefits of believing in chance or fate: External locus of control as a protective factor for coping with the death of a spouse. Social Psychological and Personality Science, 2, 132-137.

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➲ über unsere überkontrollierte Gesellschaft: ‚Utopie’ von Dota und den Stadtpiraten

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über die flüchtigkeit des glücks.

13 Jan

Foto von Jonathan Emmanuel Flores Tarello

Glücklich wollen wir sein, tun uns aber allzu oft schwer damit. Dabei ist es sogar in schweren Zeiten möglich, dieses Ziel zu erreichen. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Glücklich wollen wir sein, tun uns aber allzu oft schwer damit. Dabei ist es sogar in schweren Zeiten möglich, dieses Ziel zu erreichen.

„Das Glück macht nie so glücklich wie das Unglück unglücklich“, lässt der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf einen Bauarbeiter zu Isa sagen. Isa, ein Mädchen aus seiner eigenen Biographie, mit der er sich geschwisterlich verbunden fühlte und mit der er die vielleicht glücklichsten Tage seines Lebens verbrachte. Die später im Roman Tschick als das Mädchen von der Müllhalde wieder auftritt. Und in seinem unvollendeten Roman Bilder deiner großen Liebe auf einem Roadtrip per pedes auf oftmals einsame Menschen trifft, die sie an ihrem Leben teilhaben lassen. Ein Bauarbeiter ist einer dieser Menschen und was er feststellt, scheint dem menschlichen Ziel nach Glücksmaximierung entgegenzustehen.

Tatsächlich bestätigen psychologische Studien, dass ein Glückshoch oft nur überraschend kurz anhält. Das Ausmaß positiver Emotionen steigt durch eine Hochzeit kaum merklich an und auch die Lebenszufriedenheit befindet sich nach nur einigen Monaten im Rückzug. Ähnlich verhält es sich nach der Geburt eines Kindes, dabei scheint es doch kaum Glücksbringenderes und Sinnstiftenderes zu geben als eine solche Familienerweiterung. Im Gegensatz dazu wirken sich negative Ereignisse deutlich stärker auf das Wohlbefinden aus. Verwitwung oder Arbeitslosigkeit beispielsweise hinterlassen weitaus tiefere Einschnitte als es positive Ereignisse häufig vermögen.

Für unser Wohlbefinden ist es ein hartes Los, leichter das Glück verlieren als gewinnen zu können. Vielleicht erinnern wir uns aber auch nur zu häufig an die unguten Dinge unserer Vergangenheit. Herrndorf selbst, der lange mit einem bösartigen Hirntumor kämpfte, bis er vor eineinhalb Jahren an dessen Folgen starb, schrieb dazu: „Immer wieder schöne Tage. Ich vergesse das immer. Ich habe es mir aufgeschrieben, um es nicht immer zu vergessen. Aber ich vergesse es immer.“

Empirische Studien zeigen, dass wir uns eher an Situationen erinnern, die uns emotional aufgewühlt haben. Was würde es auch nützen zu wissen, was sich an einem beliebigen Allerweltstag ereignet hat, während die dramatischen Wenden im Leben vergessen würden? Dass die Natur auf diese Weise unsere Erinnerungen selektiert, haben wir unter anderem der Amygdala zu verdanken. Erlebt eine Person emotionalen Stress, dann wird dort der Neurotransmitter Noradrenalin ausgeschüttet und die Erinnerungen werden gefestigt.

Genau diesen Zusammenhang machten sich Menschen bereits vor langer Zeit zunutze. Um Erinnerungen zu erhalten, bevor dafür die Verschriftlichung zur Verfügung stand, wurde vor wichtigen Begebenheiten (wie einer Hochzeit) ein Kind ausgewählt, um dieses Ereignis zu beobachten. Anschließend wurde es in einen Fluss geworfen, sodass es sein gesamtes Leben lang Erinnerungen an diesen Tag behalten würde. Sicherlich eine makabre Maßnahme gegen das Vergessen. Und eine, die verdeutlicht, dass es deutlich einfacher zu sein scheint, starke negative Emotionen zu entfachen als ebenso starke positive.

Alles in allem zeichnet sich hier kein leichtes Bild über das Glück und Unglück und unsere Fähigkeit, Ersteres zu maximieren. Tröstlich mutet dabei zumindest an, dass es selbst in schweren Zeiten möglich ist, glücklich zu sein. Oder wie Herrndorf es an sich selbst beobachtete: „Ein Jahr in der Hölle, aber auch ein tolles Jahr. Im Schnitt kaum glücklicher oder unglücklicher als vor der Diagnose, nur die Ausschläge nach beiden Seiten größer.“

Zum Weiterlesen

Herrndorf, W. (2014). Bilder deiner großen Liebe: Ein unvollendeter Roman. Berlin: Rowohlt.

Luhmann, M., Hofmann, W., Eid, M., & Lucas, R. E. (2012). Subjective well-being and adaptation to life events: A meta-analysis. Journal of Personality and Social Psychology, 102, 592-615.

McGaugh, J. L. (2013). Making lasting memories: Remembering the significant. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 110, 10402-10407.

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➲ über das Glücklichwerden: ‚Get Lucky’ von Daft Punk

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden Dienstag schreibt darin einer von sechs Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

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über die notwendigkeit von emotionalem protest.

2 Dez

„mehr kunst als vernunft von a_kep

Foto von Andreas Kepplinger

Bei grundlegenden Entscheidungen brauchen wir neben rationalen auch emotionale Debatten. Unser Bauchgefühl hat ohnehin längst entschieden, bevor unser Kopf die Argumente sorgfältig abgewogen hat. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Bei grundlegenden Entscheidungen brauchen wir neben rationalen auch emotionale Debatten. Unser Bauchgefühl hat ohnehin längst entschieden, bevor unser Kopf die Argumente sorgfältig abgewogen hat.

Die Kunst bietet andere Mittel zum emotionalen Aufrütteln als ein Tatsachenbericht. Und kann so über andere Wege die Gesellschaft beeinflussen, als es beispielsweise politische Debatten vermögen. Kein Wunder also, dass Philipp Ruch, künstlerischer Leiter des Zentrums für Politische Schönheit, Kunst und Theater als fünfte Gewalt im Staate ansieht. Erst kürzlich brachte das Künstlerkollektiv den Bundestag, das Bundeskriminalamt und konservative Zeitungen mit ihrer Performance zur Gedenkfeier des Mauerfalls in Aufruhr.

Im Rahmen seines künstlerischen Protests stellte das Zentrum für Politische Schönheit die Situation der DDR-Mauertoten der Situation der Tausenden von Toten an den EU-Außengrenzen gegenüber. Mit der Idee, durch Erinnerung an die Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. In schlingensief’scher Tradition entstand dabei die provokante Aktion des ‚ersten europäischen Mauerfalls’. Ist solche Aktionskunst polemisch und populistisch oder unverzichtbar?

Kunst hebt sich dadurch ab, dass sie emotional aufrüttelt, dabei aber gleichzeitig meist wenig rational argumentiert. So lässt die „Flucht“ der 14 Gedenk-Kreuze viele drängende Fragen unbeantwortet: Wie sollen Länder an der EU-Außengrenze mit einem potentiellen Flüchtlingsansturm umgehen? Wie kann verhindert werden, dass europäische Hilfen zur Rettung von Bootsflüchtlingen dazu führen, dass Schlepper noch baufälligere Schiffe mit noch mehr Flüchtlingen gen Europa schicken? Wie löst ein Abriss einer Stacheldrahtmauer die Ursachen für die Flüchtlingsbewegungen?

Anders, aber ähnlich beeindruckend und gesellschaftspolitisch, mutet die Tragikomödie Hin und weg an. Im Zentrum steht darin der an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS erkrankte Hannes. Gemeinsam mit Freunden macht er sich auf eine letzte Radtour gen Belgien, um dort mithilfe der aktiven Sterbehilfe seinem Leben ein vorzeitiges Ende zu setzen. So elegant gelingt dabei die Balance zwischen dem Wunsch nach beschleunigtem Abschied aus dem Leben und der Würdigung der Schönheit des Lebens, dass, als ich den Film im Kino sah, der vollbesetzte Saal gemeinsam lachte und weinte, in einer Intimität, als kenne sich die anonyme Zuschauerschar seit Jahrzehnten.

Kann man nach dieser aufwühlenden, authentischen Beschreibung eines Schicksals weiterhin kompromisslos an der Verweigerung aktiver Sterbehilfe festhalten? Aber andererseits werden auch hier drängende Fragen nicht beantwortet: Haben auch Personen mit psychischen Krankheiten das Recht auf aktive Sterbehilfe (wie in Belgien)? Darf zum Beispiel ein Mensch mit einer Depression diese in Anspruch nehmen? Oder nicht, weil der Todeswunsch hier als Symptom einer Krankheit gilt? Was ist mit Kindern? Und Personen, deren eigener Wille nicht eindeutig geklärt werden kann? Wie lässt sich mit Interessenskonflikten umgehen, die in diesem Kontext entstehen können?

Viele dieser Fragen können nicht durch emotionale Argumente beantwortet werden. Und doch kann die emotionale Informationsverarbeitung, die stets schnell und automatisiert in uns abläuft, wertvolle Impulse liefern. Im Gegensatz zur rationalen Informationsverarbeitung, die langsam und überlegt vonstattengeht, kommt sie meist zuerst zu einer Entscheidung. Die Ratio füllt dann die Detailfragen, wenn der Bauch längst entschieden hat. So lenken emotionale Reize die Aufmerksamkeit auf drängende Fragen und lassen Prioritäten neu sortieren. Steht dann fest, dass kein verzweifelter Flüchtling an einer EU-Grenze sterben darf und keinem verzweifelten Todkranken das Recht auf Selbstbestimmung verweigert werden darf, sind die Prämissen gesetzt und die Ratio ist nach Möglichkeiten der Umsetzung gefragt.

Zum Weiterlesen

Evans, J. S. B. T. (2008). Dual-processing accounts of reasoning, judgment, and social cognition. Annual Review of Psychology, 59, 255-278.

Haidt, J. (2001). The emotional dog and its rational tail: A social intuitionist approach to moral judgment. Psychological Review, 108, 814-834.

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➲ über die Grenzen der Vernunft: ‚Pure Vernunft darf niemals siegen’ von Tocotronic

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über die illusion, das gute im schlechten zu finden.

21 Okt

„von

Foto von luma photography

Positive Erlebnisse sind wünschenswert, negative Erlebnisse zu vermeiden. Sollte man meinen. Erstaunlich, dass viele dennoch an der Illusion festhalten, nur durch Schicksalsschläge könnten wir reifen. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Positive Erlebnisse sind wünschenswert, negative Erlebnisse zu vermeiden. Sollte man meinen. Erstaunlich, dass viele dennoch an der Illusion festhalten, nur durch Schicksalsschläge könnten wir reifen.

Hape Kerkeling hat ein Buch geschrieben, eines über seine Kindheit, und die war, so liest man, von einem schweren Schicksalsschlag gezeichnet. Im Kulturspiegel bespricht Arno Fank das Buch mit lobenden Worten und stellt fest: „Es ist allein dieser tragische Hintergrund, der einen Quatschmacher in einen großen Komiker verwandeln kann.“ Ein großer Komiker ist Hape Kerkeling ohne Zweifel. Aber war es dafür notwendig, als Kind hautnah den Tod der Mutter mitzuerleben? Das heißt, wäre uns seine Fähigkeit nicht vergönnt gewesen, hätte sich seine Mutter nicht das Leben genommen?

Dass schmerzliche Erfahrungen eine positive Entwicklung anstoßen, suggerierte auch Nietzsche mit seiner Aussage „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“. Und mit dieser Ansicht ist er nicht allein. Vielmehr finden sich in der Geschichte großer Dichter und Denker wiederholt Argumente für Sinn und Notwendigkeit von Niedergeschlagenheit, wie ein unterhaltsamer historischer Abriss in einem TED-Film verdeutlicht. Der Melancholie wird dabei unterstellt, essentieller Bestandteil des Lebens zu sein. Aber käme es wirklich mit Nachteilen einher, in einer Welt ohne Traurigkeit zu leben?

Auch die Psychologie fühlt sich zu der Idee hingezogen, aus etwas durchweg Negativem ließe sich etwas Positives gewinnen. Unter dem Begriff des posttraumatischen Wachstums werden Beobachtungen aus der Klinischen Psychologie subsumiert, nach denen Menschen es schaffen, mit belastenden Lebensumständen umzugehen, in dem sie diesen etwas Positives abgewinnen. Einige berichten beispielsweise, sich nun mehr an den kleinen Dingen des Alltags erfreuen zu können, dass diese Erfahrung ihre sozialen Beziehungen gestärkt habe oder sie mehr Vertrauen in ihre eigene Belastbarkeit entwickelten.

Es ist ohne Zweifel eine Glanzleistung unserer Resilienz, dass es vielen Menschen gelingt, sich von schweren Schicksalsschlägen zu erholen. Die Frage ist aber vielmehr, ob uns diese Erschütterungen stärker machen, ob sie notwendig sind, um uns aus der alltäglichen Oberflächlichkeit zu stoßen und zu besseren Menschen zu machen. Und da zeigt die Empirie sehr deutlich: Das ist nicht der Fall. Im Gegenteil, einschneidende negative Erlebnisse senken nicht nur das Wohlbefinden, im Mittel erhöhen sie auch den Neurotizismus, machen also ängstlicher und sorgenvoller.

Eine positive Entwicklung dagegen wird häufig dann angestoßen, wenn Menschen Positives erleben, auf einer Welle des Wohlbefindens schwimmen, also Ressourcen haben, um sich in eine positive Richtung zu verändern. Gerade zufriedene Menschen sind es, die anschließend emotional stabiler, verträglicher im Umgang mit anderen und gewissenhafter werden.

Wir wissen nicht, wie Hape Kerkeling wäre, hätte er nicht erlebt, was er erlebte. Auch die Psychologie, die sich aus Korrelationen und ähnlichen Maßen des Zusammenhangs füttert, erlaubt keine Aussagen über den Einzelfall. Nur eine Parallelwelt ohne dieses Unglück im Leben des jungen Hape Kerkeling könnte Aufschluss darüber geben, die keine Post-hoc-Erklärung vermag. Doch sicher ist, dass solche Schicksalsschläge ausschließlich negativ sind und keinesfalls wünschenswert oder notwendig, um einen Quatschmacher zum Komiker werden zu lassen. Eigentlich müsste es also heißen: „Es ist ein Glück, dass Hape Kerkeling trotz dieses tragischen Hintergrunds ein großer Komiker wurde.“

Zum Weiterlesen

➲ Jayawickreme, E., & Blackie, L. E. R. (2014). Post-traumatic growth as positive personality change: Evidence, controversies, and future directions. European Journal of Personality, 28, 312-331.

➲ Kandler, C., Bleidorn, W., Riemann, R., Angleitner, A., & Spinath, F. M. (2012). Life events as environmental states and genetic traits and the role of personality: A longitudinal twin study. Behavior Genetics, 42, 57-72.

➲ Specht, J., Egloff, B., & Schmukle, S. C. (2013). Examining mechanisms of personality maturation: The impact of life satisfaction on the development of the Big Five personality traits. Social Psychological and Personality Science, 4, 181-189.

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➲ über den Wunsch nach Traurigkeit: ‚Sad Song‘ von Au Revoir Simone

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ein plädoyer für schnelles schlafen.

9 Sep

Schlaf von Ka-ho Pang

Foto von Ka-ho Pang

Schlafen kostet nicht nur wertvolle Zeit, es verschlägt auch in bizarre Traumwelten, die mit fortschreitender Schlafdauer immer aggressiver werden. Grund genug, mit dem Schlafen sparsam umzugehen. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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In Berlin-Mitte ticken die Uhren anders. Zumindest nicht im Biorhythmus der Blog-Autorin, die zu einem maßgeblichen Anteil im Land der Frühaufsteher sozialisiert wurde und ohnehin wochentags von den lieben Kleinen zuverlässig vor Morgengrauen aus dem Bett gescheucht wird. Folgt man diesem lerchenhaften Schlaf-Wach-Rhythmus stoisch auch am Wochenende, wandelt man in Mitte morgens durch menschenleere Straßen und steht vor der verschlossenen Tür des Lieblings-Sonntags-Frühstück-Cafés. Der Mensch ist glücklicherweise anpassungsfähig, sodass mit dem Wochenende auch die Ein- und Ausschlafzeit justiert werden kann. Social jetlag nennt sich die Folge davon im Fachjargon.

Aber wie viel Anpassung kann man dem Körper abverlangen? Und wie lässt sich die Schlafenszeit optimieren, wenn es doch stets Dringlicheres zu geben scheint, als entspannt im Traumland zu wandeln, zumal die bizarren Traumwelten mit fortschreitender Schlafdauer immer aggressiver werden? Einer Studie von Wilhelm Hofmann und Kollegen zufolge rangiert die Sehnsucht nach Schlaf (neben der Sehnsucht nach Sex) bei den menschlichen Begehrlichkeiten an oberster Stelle. Und gleichzeitig steht es im besonders starken Konflikt zu all den anderen beruflichen, familiären und sozialen Bedürfnissen, mit denen ein Mensch konfrontiert wird.

Die Küchenpsychologie munkelt, der Schlaf vor Mitternacht sei der wichtigste. Auch wenn das nicht stimmt, finden sich doch drei empirisch bestätigte Fünkchen Wahrheit darin wieder. Richtig ist, dass die erste Hälfte des Schlafes besonders wichtig ist. Da ist nämlich der Anteil der Tiefschlafphasen, des sogenannten Non-REM-Schlafs vergleichsweise hoch. Das Gehirn nutzt diese, um frisch erworbenes Wissen aus dem Hippocampus, der Schaltzentrale unseres Gedächtnisses, zu archivieren. Empfehlenswert ist dieser Tiefschlaf deshalb auch als kurzes Nickerchen direkt nach intensiven Lernphasen. Die zweite Schlafhälfte ist stattdessen eher von traumintensiven Schlafphasen, dem sogenannten REM-Schlaf, dominiert.

Richtig ist auch, dass ausreichend (aber auch nicht zu viel!) Schlaf essenziell ist. Wie viel Schlaf ein Mensch benötigt, unterscheidet sich jedoch von Person zu Person stark. Lässt der Alltag Anpassungen zu, dann lohnt es sich deshalb, den eigenen „Chronotyp“ und damit die ideale Ein- und Aufwachzeit zu bestimmen, zum Beispiel über den kostenfreien Online-Test von Till Roenneberg. Für das Aufwachen bietet sich dann eine der traumintensiven REM-Phasen an, also ein Zeitpunkt, zu dem der Körper nicht maximal tiefenentspannt ist. Einige High-Tech-Wecker  versprechen, diese Phase ermitteln zu können, und wecken in einem vorgegebenen Zeitintervall entsprechend schlafmützenfreundlich.

Und richtig an der Lebensweisheit ist auch, dass neben adäquater Schlafdauer die Kontinuität der Schlüssel zum optimalen Schlafen ist. Eine hohe Dosis social jetlag geht, genauso wie Schichtarbeit oder der klassische Jetlag beim Zeitzonen-Wechsel, mit erheblichen Risiken einher. Der Körper verbraucht bei dieser Anpassungsleistung viel Energie, was dann die Lernfähigkeit und Aufmerksamkeit einschränkt und zu zahlreichen Erkrankungen wie Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depression führen kann.

Bei einem gesunden Hang zum Optimierungswahn empfiehlt es sich, die persönlich favorisierte Schlafenszeit systematisch auszutesten. Dafür einfach jeweils zwei bis drei Wochen konsequent zur gleichen Zeit einschlafen und aufstehen und dabei Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit beobachten. Anschließend die Schlafdauer um eine halbe Stunde mindern, sich wieder selbst beobachten und so weiter. Einmal ermittelt, werden es Körper und Seele ganz sicher danken. Zumindest sofern sich der eigene Rhythmus mit den Bedürfnissen des oder der Lieblingsliebsten, dem typischerweise frühaufstehenden Nachwuchs, beruflichen Pflichten und all den anderen Bedürfnissen in Einklang bringen lässt.

Zum Weiterlesen
W. Hofmann, K. D. Vohs, R. F. Baumeister: What people desire, feel conflicted about, and try to resist in everyday life. Psychological Science, 23, 2012, 582–588
M. Peplow: The anatomy of sleep. Nature, 497, 2013, S2–S3
T. Roenneberg: The human sleep project. Nature, 498, 2013, 427–428

Soundtrack zum Blog-Post
über das Träumen: ‚Monsters‘ von Binoculers

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden Dienstag schreibt darin einer von sechs Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

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think negative!

29 Jul

Foto von Abhijit Chendvankar

Bauchgefühl und Selbsthilfe-Literatur raten leichtfertig zum Optimismus. Dabei sollten wir eine Prise erfrischenden Pessimismus wagen und damit unerreichte Ziele greifbar machen. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Bauchgefühl und Selbsthilfe-Literatur raten leichtfertig zum Optimismus. Dabei sollten wir eine Prise erfrischenden Pessimismus wagen und damit unerreichte Ziele greifbar machen.

Jean-Claude Juncker dürfte nun gelassen sein. Denn nach dem europäischen ‚Ja!‘ für seine Kandidatur und etwas Gegockel der europäischen Regierungschefs über das für und wider dieser Personalie, darf er sich seit zwei Wochen als designierter Kommissionspräsident fühlen. Bis zum Amtsantritt im November bleibt noch etwas Zeit, aber was damit anfangen, als Mann ohne besondere Hobbies? Die Ruhe vor dem Sturm bietet sich an, um bereits an der Antrittsrede zu basteln, in der er Kommission und Zukunftspläne vorstellen wird (wie das in etwa aussehen könnte, zeigt seine Bewerbungsrede). Denn darin steckt erstaunliches Potential für die Gestaltung der Zukunft Europas. Allerdings nicht so, wie gemeinhin erwartet.

Denn während Lebenshilfe-Ratgeber munter einen hoffnungsvollen und optimistischen Blick in die Zukunft empfehlen, entpuppt sich eben diese Herangehensweise für die Antrittsrede als gänzlich ungeeignet. Wie Timur Sevincer mit Kolleginnen kürzlich feststellte, führt ein positiver Blick in die Zukunft dann nämlich zum Wirtschaftseinbruch. Unter die Lupe nahmen die Wissenschaftler insgesamt 21 Antrittsreden von US-Präsidenten zwischen 1933 und 2009 und stellten fest: Ein optimistisch gestimmter Präsident riskiert eine baldige Minderung des Bruttoinlandsproduktes und eine Erhöhung der Arbeitslosigkeit.

Damit dürften die Querelen um seine Kandidatur Herrn Juncker genau in die Gemütsverfassung gebracht haben, die seiner obersten Priorität, Wachstum und Beschäftigung, zu Erfolg verhelfen könnte, jedenfalls sofern sie sich in seiner Antrittsrede niederschlägt. Doch warum mindert ein positiver Blick in die Zukunft die Wirtschaftsleistung? Natürlich nicht wegen der Worte, sondern wegen der folgenden Taten. Oder besser: dem Ausbleiben der Taten. Denn das belegt mittlerweile eine Vielzahl an Studien: Gedanken an eine rosige Zukunft mindern die Bemühung, dieses Ideal Realität werden zu lassen.

Das gilt nicht nur für die Gesellschaft im Ganzen, sondern auch für den Einzelnen, der eine Diät verfolgt, sich von einer Operation erholt oder auf Jobsuche ist, wie Gabriele Oettingen zusammenfasst. Entgegen der landläufigen Intuition, wirken positive Aussichten nicht inspirierend und motivierend, sondern lähmen stattdessen den Tatendrang. Die Tücke liegt hier im Detail: Der Fokus auf der idealen Zukunft schadet mehr als dass er hilft, der Fokus auf dem Weg zum Ziel dagegen hilft, dieses auch zu erreichen, genauso wie die Überzeugung, gesteckte Ziele auch tatsächlich erreichen zu können.

Der Optimismus geht der Rezession also voran, doch auch die Wirtschaftskrise bleibt nicht folgenlos. Während in wirtschaftlich schweren Zeiten der Konsum erwartungsgemäß sinkt, steigen zumindest die Ausgaben für weibliche Beauty-Produkte, eine Beobachtung, die als Lipstick-Effekt bekannt wurde. Eine Erklärung dafür liefern die Studienergebnisse von Sarah Hill und Kollegen: Durch die geringere Anzahl wohlhabender Männer steigt, veraltete Rollenmodelle hin oder her, die Konkurrenz zwischen Frauen um die wenigen verbliebenen gutbetuchten Herren. Dieser erhöhte Wettbewerb wiederum steigert spezifisch die Ausgaben, die vermeintlich die weibliche Attraktivität erhöhen.

Wirtschaftlicher Erfolg scheint ein trister Begleiter, folgt er doch auf einen pessimistischen Blick in die Zukunft und läutet den Rückgang weiblicher Balzbemühungen ein. Recht hat, wer hier von einem Luxusproblem spricht. Bleibt zu hoffen, dass diese Blog-Prognose schwarzmalerisch genug ausfällt, um uns eine glänzende Zukunft zu bescheren.

Zum Weiterlesen

➲ Hill, S. E., Rodeheffer, C. D., Griskevicius, V., Durante, K., & White, A. E. (2012). Boosting beauty in an economic decline: Mating, spending, and the lipstick effect. Journal of Personality and Social Psychology, 103, 275-291.
➲ Oettingen, G. (2012). Future thought and behaviour change. European Review of Social Psychology, 23, 1-63.
➲ Sevincer, A. T., Wagner, G., Kalvelage, J., & Oettingen, G. (2014). Positive thinking about the future in newspaper reports and presidential addresses predicts economic downturn. Psychological Science, 25, 1010-1017.

Soundtrack zum Blog-Post

Ein Klassiker über erfrischende Destruktivität: ,Annabelle, ach Annabelle‘ von Reinhard Mey

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden Dienstag schreibt darin einer von sechs Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

labor meets liebe.
druckfrisch.

7 Mrz

Suche_kochenden_Betthasen

Hmmm… – gut riecht es und es sieht gut aus und fasst sich noch dazu gut an: Das erste Exemplar des Betthasen. Ab dem 1. April gibt’s den auch im Buchladen um die Ecke, aber so lang heißt es noch: abwarten. Oder bereits beim Versandhändler der Wahl vorbestellen.

Apropos: Amazon gruppiert den Lesestoff übrigens nicht nur unter ‚Gesellschaft‘, sondern auch unter ‚Kochen & Genießen‘. Dabei geht es vor allem um die Liebe (doch die geht ja bekanntlich auch durch den Magen): Wie findet man den Traumpartner? Und wo? Abends in der Bar oder doch eher bei Onlineportalen? Führt, wie der Name suggeriert, Speed-Dating tatsächlich zu schnellem Liebesglück? Ziehen sich Gegensätze wirklich an? Und wann ist der optimale Zeitpunkt, ‚Ich liebe dich‘ zu sagen?

Gemixt wird die Beantwortung des Fragen-Potpourris mit einem Einblick in die Wissenschaft, die zwar allzu gern im Verborgenen herumwerkelt, aber in diesem Buch den Sprung in das wirkliche Leben wagt. Denn es gibt zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse, die unsere Intuition verblüffen und unsere Augen öffnen können und, richtig genutzt, sowohl das Leben als auch die Liebe vereinfachen können.

Labor meets Liebe
Seele baumeln

19 Sep

Foto von Jakob Esben H.

Es fehlt noch der Feinschliff. Hier ein Wort mehr, dort eines weniger, abgerundete Formulierungen und einige einleitende Worte zu Beginn. Aber das kümmert im Moment nicht. Denn das letzte Kapitel hat seinen Weg von Kopf und Herz über die Finger in das Textverarbeitungsprogramm gefunden. Und jetzt ist erst einmal Zeit für Festlichkeit. Heute mit Jungspund (dem neuen Lieblingswein), morgen samt Happiness beim SOEP-Geburtstag und ab Sonntag beim kollegialen Get-together. Danach werden die Buchstaben ein weiteres Mal gedreht und gewendet und wenn der Kalender mit dem neuen Monat droht, geht’s ab dafür.