psychologie heute-blog.
über bedingungslosigkeit.

2 Feb

Foto von Mariano García-Gaspar

Foto von Mariano García-Gaspar

Bedingungslos zu geben wird oftmals als problematisch empfunden. Bedingungslos zu nehmen scheint jedoch ebenso diffizil. Und wo gibt es sie überhaupt noch, die reine Bedingungslosigkeit, wo das Geben und Nehmen nicht kontinuierlich abgewogen wird? Selbst in der Liebe und beim Recht auf Leben und Unversehrtheit scheint sie nicht immer zu gelten, dabei sind Menschen doch die champions of cooperation. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Bedingungslos zu geben wird oftmals als problematisch empfunden. Bedingungslos zu nehmen scheint jedoch ebenso diffizil. Das berichtet zumindest Daniel Häni, ein Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens. Beim Salon Sophie Charlotte erzählte er kürzlich, wie er einem guten Freund Geld gab, ohne Gegenleistung, einfach so, bedingungslos. Vielleicht wollte er mal vortesten, wie das eigentlich wäre mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Der Freund, obwohl ein enger, sträubt sich. Auch der nächste hadert, nimmt es dann an, um es seinen Kindern zu geben, lässt es schlussendlich aber doch zurück. Die beiden Freunde, sie tun sich ganz offensichtlich schwer mit der Bedingungslosigkeit.

Menschen unterscheiden sich anscheinend darin, wie gut sie mit Bedingungslosigkeit umgehen können. Tim, der mit mir den Anekdoten Daniel Hänis lauscht, raunt mir zumindest zu: ‚Mir fällt das leicht, ich kann ganz wunderbar bedingungslos annehmen.‘ Er schmunzelt dazu. ‚Und ich?‘, frage ich mich. Mir fallen spontan gute Beispiele dafür und ebenso gute Beispiele dagegen ein. Aber vielleicht liegt es auch gar nicht an der einzelnen Person, sondern vielmehr an der Beziehung zwischen Gebendem und Nehmenden?

Bedingungslosigkeit fällt dann schwer, wenn sie gegen Regeln verstößt, die mehr oder weniger implizit die Beziehung der Beteiligten strukturieren. Unter Peers ist, laut Alan Fiske, das sogenannte ‚Equality Matching‘ verbreitet: Es wird so viel gegeben wie genommen. Kommt es zum Ungleichgewicht zwischen beidem, fühlt sich der Nehmende zu einer Gegenleistung verpflichtet. Bis das Ungleichgewicht ausgeglichen ist, bleibt ein ungutes Gefühl bestehen, eben jenes, das Häni bei seinen Freunden beobachtete. Aus dieser Perspektive betrachtet ist es also keineswegs verwunderlich, dass Freunde dazu neigen, ein Ungleichgewicht zu vermeiden.

Welche Beziehungen ertragen ein Ungleichgewicht?

Ein Ungleichgewicht ist dagegen, so schreibt es Fiske, beim ‚Authority Ranking‘ akzeptiert. Da gibt der Statushöhere, zum Beispiel ein Elternteil, dem Statusniedrigeren, in diesem Fall seinem Kind, mehr als er von ihm bekommt. Von Bedingungslosigkeit kann jedoch auch hier keine Rede sein, schließlich werden Macht und Privilegien auf der einen Seite gegen Schutz und Fürsorge auf der anderen Seite getauscht.

Aber wo gibt es sie noch, die reine Bedingungslosigkeit, die Fiske ‚Communal Sharing‘ nennt? Selbst für die Liebe und das Leben scheint sie nicht immer zu gelten. Zieht in einer Liebesbeziehung das Gefühl eines andauernden Ungleichgewichts ein, sieht man sich mit dem Risiko einer Trennung konfrontiert. Späte Schwangerschaftsabbrüche als Reaktion auf eine schwere Erkrankung des Nachwuchses sind längst keine Seltenheit mehr. Unlängst erhielten Diskussionen über den Höchstpreis lebensverlängernder Medikamenteneuen Aufwind. Und auch Schutz für Menschen, die vor lebensbedrohlichen Zuständen fliehen, wird vielerorts an Bedingungen geknüpft.

Bedingungslose Liebe, bedingungsloses Recht auf Leben und Unversehrtheit gibt es für manche, nicht für alle. Für Fiske mag das nachvollziehbar sein, unsere Beziehungen zueinander beruhen schließlich nicht alle auf einem ‚Communal Sharing‘. Und ganz sicher sollte man über potenziell notwendige, wichtige oder gesellschaftlich akzeptierte Bedingungen diskutieren. Vielleicht kommen wir bei diesen Diskussionen zu dem Schluss, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen zu sozial oder, im Gegenteil, zu unsozial ist. Unabhängig davon erscheint es mir jedoch wünschenswert, uns mehr in Bedingungslosigkeit zu üben, beim Geben wie auch beim Nehmen, schließlich sind Menschen doch die ‚champions of cooperation‘.

Zum Weiterlesen

Fiske, A. P. (1992). The four elementary forms of sociality: Framework for a unified theory of social relations. Psychological Review, 99, 689-723.

Nowak, M. A. (2006). Five rules for the evolution of cooperation. Science, 314, 1560-1563.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

gastkommentar im zeit chancen brief.
mehr professuren und weniger mittelbau!

21 Jan

Zeit Chancen Brief

Die Universitätslandschaft wandelt sich, leider nicht überall zum Guten. Zwar steigt die Zahl der Professuren leicht an, dies geht jedoch, wie der Deutsche Hochschulverband kürzlich feststellte, maßgeblich auf befristete Professuren zurück und kann mit dem Anstieg der Studierendenzahl nicht mithalten. Nicht nur das Betreuungsverhältnis verschlechtert sich so weiterhin, auch das Missverhältnis zwischen wissenschaftlichem Nachwuchs und unbefristeten Professuren spitzt sich zu. Ursachen sind die mangelnden Grundmittel der Universitäten und die wachsende Bedeutung zeitlich befristeter Drittmittel (z.B. von der DFG), die nach Angaben der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mittlerweile knapp 50 Prozent der universitären Forschungsausgaben ausmachen.

Im Gegensatz zu den finanzstarken Drittmittelgebern können Universitäten zeitlich unbefristete Stellen schaffen. Sie tun das allerdings momentan zu wenig – sondern investieren, zusätzlich zu den Drittmittelgebern, in den Mittelbau und finanzieren dort befristete Qualifikationsstellen. Auf diese Weise verschärft sich das Missverhältnis zwischen Nachwuchs und Professuren. Besser wäre es, wenn die Universitäten ihre Ressourcen nutzten um mehr zeitlich unbefristete Perspektiven zu schaffen – indem sie die Zahl selbstständig forschender und lehrender Professorinnen und Professoren deutlich erhöhen.

Ein solcher Strukturwandel – hin zu mehr Professuren und weniger Mittelbau – muss nicht zwangsläufig etwas kosten, wie die Junge Akademie vorgerechnet hat. Und die Konsequenzen sind vielversprechend: Es ergeben sich bessere Perspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs, die auch nachdrücklich vom Wissenschaftsrat und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung eingefordert werden. Es schafft darüber hinaus mehr personelle Ressourcen für die Einwerbung von Drittmitteln. Aufgaben der Lehre, Prüfung und Selbstverwaltung würden zudem auf mehr Schultern verteilt, was nicht nur das Betreuungsverhältnis verbesserte, sondern den Professorinnen und Professoren auch mehr Zeit für Forschung verschaffte. Ein Wandel hin zum Besseren ist möglich – wer macht mit?

Jule Specht ist Juniorprofessorin im Fach Psychologie an der Freien Universität Berlin und setzte sich als Mitglied der Jungen Akademie kürzlich mit der Berufungspraxis bei Juniorprofessuren auseinander.

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Dieser Gastkommentar erschien heute im ZEIT Chancen Brief. In diesem kostenlosen Hochschul-Newsletter der Wochenzeitung DIE ZEIT werden montags und donnerstags Berichte zu hochschulpolitischen Themen zusammengestellt. Anmelden kann man sich dafür hier.

psychologie heute-blog.
über funktionale angst.

8 Dez

Foto von Aitor Aguirregabiria

Foto von Aitor Aguirregabiria

Die Angst grassiert. Selten hat sich ein Gefühl der Angst so schnell und weit verbreitet wie nach den jüngsten Anschlägen in Paris. Zur gleichen Zeit wird die Angst, die sich mit Wucht in den Alltag der Menschen gedrängt hat, einhellig als zu bekämpfendes Übel angesehen. Aber ist diese Angst wirklich unangepasst? [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Die Angst grassiert. Selten hat sich ein Gefühl der Angst so schnell und weit verbreitet wie nach den jüngsten Anschlägen in Paris. Der Tagesspiegel titelt schon wenige Stunden nach den Attentaten ‚Paris in Angst‘ und liefert dazu eine besorgniserregende Chronik des Grauens. Auch eine Woche danach bleibt Paris für die Süddeutsche Zeitung die ‚Stadt der Angst‘ und es wird kein schnelles Ende dieses Zustands prophezeit. Ebenso erkennt die FAZ eine tiefsitzende ‚Angst in der Stadt der Liebe‘, ersichtlich an den leergefegten Straßen, Plätzen und anderen öffentlichen Orten.

Zur gleichen Zeit wird die Angst, die sich mit Wucht in den Alltag der Menschen gedrängt hat, einhellig als zu bekämpfendes Übel angesehen. Das Weiße Haus twittert sogar, die mächtigste Maßnahme sei nun, zu zeigen, dass man keine Angst habe. Auch in Deutschland wird eine Abkehr von der Angst propagiert. Die tazruft dazu auf, um die Freiheit im öffentlichen Raum zu erhalten und auch der Stern argumentiert, Angst sei die falsche Antwort auf die Anschläge. Während in der Zeit hoffnungsvoll stimmende Anekdoten darauf hindeuten, wir hätten keine Angst, überführt die Welt dann doch die Lüge in ‚même pas peur‘.

Die kollektive Angst scheint dysfunktional, zumindest suggeriert das die klaffende Lücke zwischen dem vorherrschenden und dem anscheinend allseits empfohlenen Gemütszustand. Aber ist diese Angst wirklich unangepasst? Aus psychologischer Sicht scheint es sich nicht um eine akute Angst zu handeln, für eine Emotion dauert sie schlichtweg zu lang an. Es scheint sich auch um keine pathologische Form der Angst zu handeln, da schon allein ihre Verbreitung gegen ein normabweichendes Einzelphänomen spricht. Vielmehr scheint es zu einer kollektiven Verstärkung der Ängstlichkeit, einer Facette des Neurotizimus, gekommen zu sein.

Diese Ängstlichkeit ist damit ein Aspekt der Persönlichkeit. Sie beschreibt, wie stark eine Person zu angstbezogenen Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen neigt. Charlotte Roche beschrieb das eindrücklich mit den Worten: ‚Ich denke einfach, ich muss gewappnet sein für das Schlimmste, was passieren kann.‘ Selbst wenn alles gut scheint, denke sie ‚ja, schon gut, aber wir wollen uns nicht zu sehr entspannen, weil nachher kommt das Schicksal‘. Ängstliche Menschen sind erst dann beruhigt, wenn sie neben einem Plan A und B, zumindest noch einen Plan C in der Hinterhand haben.

Selbst eine hohe Ängstlichkeit kann gesund und angepasst sein. Aber natürlich provoziert sie unangenehme Gefühle, geht mit vielen Sorgen und geringem Wohlbefinden einher. Reicht das, um eine geringere Ängstlichkeit zu empfehlen? Um damit den Erfolg der Attentäter zu schmälern? Um damit den Erfolg der Attentäter zu schmälern? Oder Überreaktionen zu verhindern, zu denen dann auch irrationale politische Reaktionen zählen dürften, wie die Ausweitung der Überwachung? Zum Glück spielt uns dabei zumindest langfristig die Zeit in die Hände: Mit dem Alter mindert sich nämlich im Allgemeinen der Neurotizismus und darüber hinaus erwartet Borwin Bandelow, Präsident der Gesellschaft für Angstforschung, dass sich der Mensch mit der Zeit auch an die Terrorangst gewöhnen wird.

Die Angst ist da, das lässt sich kaum leugnen, auch wenn man es sich vielerorts anders erhofft. Gleichzeitig scheint es aber keine pathologische, sondern eine vorübergehende Angst zu sein, die durchaus funktional sein kann. Negative Ereignisse kommen selten allein, sondern treten leider meist gehäuft auf. Der Mensch passt sich daran an, in dem er sich in eine Habachtstellung begibt. Diese gesteigerte Ängstlichkeit hat sich in empirischen Studien bereits als funktional erwiesen, weil sie uns dazu drängt, für uns Sorge zu tragen. Wir sollten diese Form der vorübergehenden Ängstlichkeit deshalb zulassen.

Zum Weiterlesen

Headey, B., & Wearing, A. (1989). Personality, life events, and subjective well-being: Toward a dynamic equilibrium model. Journal of Personality and Social Psychology, 57, 731-739.

Roberts, B. W., Smith, J., Jackson, J. J., & Edmonds, G. (2009). Compensatory conscientiousness and health in older couples. Psychological Science, 20, 553-559.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

freunde von freunden.
essay im buch ‚personalities‘.

26 Okt

Personalities vom Hatje Cantz Verlag

Cover des Buchs ‚Personalities
erschienen im Hatje Cantz Verlag in Zusammenarbeit mit Freunde von Freunden

Unsere Persönlichkeit beschreibt, wie wir uns in unserem Denken, Fühlen und Verhalten voneinander unterscheiden und beeinflusst ausnahmslos jeden Lebensbereich. So natürlich auch, und vielleicht sogar besonders deutlich, unser Zuhause. Um diese Beobachtung geht es in einem Essay, das ich für das Buch ‚Personalities‘ geschrieben habe. Das Buch entstand in einer Kooperation mit Freunde von Freunden, die eine meiner Lieblingsserien des ZeitMagazins verantworten, dem Hatje Cantz Verlag und USM, die Möbelbausysteme herstellen. → zum Buch

Darum geht’s:
In Personalities öffnen Menschen die Türen zu ihrer ganz persönlichen, unmittelbaren Umgebung: ihrem Zuhause und dem Ort ihres Schaffens. Wir begeben uns auf eine Reise in ihre Lebenswelten und lassen uns die Geschichten hinter den Möbelstücken erzählen – jedes so individuell wie ihr Besitzer. Während die Stories der Personalities das Herzstück des Buches bilden, ergänzen namhafte Fachautoren das Thema »Persönlichkeit« um eine psychologische und soziologische Perspektive.
Wir machen einen Ausflug in die Persönlichkeitspsychologie, werfen einen Blick in Richtung Populärkultur und betrachten Persönlichkeit schließlich im Spannungsfeld zwischen Haben und Sein, zwischen materieller Kultur und Lifestyle. Die Diversität der Porträtierten spiegelt sich in der Vielfalt der begleitenden Essays wider, die auf unterhaltsame und überraschende Weise die Facetten rund um den Begriff der Persönlichkeit aufzeigen.

psychologie heute-blog.
über nostalgie und vorfreude.

13 Okt

Illustration_by_Charis_Tsevis

Illustration von Charis Tsevis

Früher elektrisierte die Vorfreude und motivierte zum emsigen Schaffen, heute rückt immer häufiger die melancholische Nostalgie an ihren Platz. Ist das ein Alterseffekt, der dazu verleitet den mittlerweile verpassten Gelegenheiten nachzutrauern? Oder sind wir lediglich Teil einer Generation Vintage, die sich in die vermeintlich bessere Vergangenheit zurückwünscht? Der Melancholie zum Trotz kann die Nostalgie ein positives Selbstbild und soziale Verbundenheit vermitteln, zumindest sofern wir unsere Vergangenheit nicht als unwiederbringlich verloren ansehen, sondern uns mit ihr für die Zukunft wappnen. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Früher habe ich davon geträumt, einmal in Italien zu leben. Ich wollte unbedingt einen Italiener heiraten und in einem abgeschiedenen Haus an einem Weinberg leben. Da säße ich dann tagsüber draußen an einem Holztisch mit Blick in die Ferne und schriebe Romane, während meine zahlreichen Kinder zwischen den Rebstöcken herumtollten. Es wäre jeden Tag Sommer und ich würde samstags mit einer roten Vespa am Wein entlang zum Gemüsemarkt fahren. Damals war ich so eingenommen von dieser kitschigen Idee, dass ich in emsiger Vorfreude damit begann, Italienischvokabeln zu lernen.

Es kam dann doch alles ganz anders und ich lebe heute eine andere Version meines Lebens. Nicht ganz so rosarot vielleicht, aber anders schön. Und aus der elektrisierenden Vorfreude ist Nostalgie geworden. Dabei war die Vorfreude damals noch ein zentraler Motor: Die Aussicht auf Geburtstagsfeste oder die heimelige Vorweihnachtszeit, später dann vor allem auf das nächste Wochenende (das Mantra I have Friday on my mind zog sich durch die gesamte Woche) oder der Schul- und Studienabschluss, dem man in freudiger Erwartung auf das „Danach“ entgegenfieberte.

Statt der rosigen Zukunft entgegen zu eifern, übe ich mich jetzt vermehrt in Nostalgie und hänge Lebenswegen nach, die ich nicht gegangen bin. Ist das ein Alterseffekt, der am Ende des jungen Erwachsenenalters dazu führt, verpassten Gelegenheiten nachzuhängen? Oder bin ich Teil einer Generation Vintage, die sich in Reaktion auf die unendlichen Möglichkeiten der heutigen Zeit an die vorgeblich einfachere, sicherere, bessere Vergangenheit zurückbesinnt? Zumindest ist die Nostalgie, das mental time traveling, eine Eigenart des Menschen, die früher noch als pathologisch abgetan wurde, heutzutage aber deutlich wohlwollender bewertet wird.

Die Nostalgie leitet sich aus dem griechischen nostos (Rückkehr) und algos (Schmerz) ab, dem Heimweh. Später wurde sie als Krankheit, die mit Traurigkeit, unregelmäßigem Herzschlag und Appetitlosigkeit einherging, und als psychische Störung angesehen, die dazu Angst und Schlaflosigkeit beinhaltet. Vertreter psychodynamischer Ansätze interpretierten sie wiederum als unterdrückte Zwangserkrankung, einem unbewussten Bedürfnis nach Rückkehr zu einem früheren Lebensabschnitt oder eine Form der Depression. Heute wissen wir: Nostalgie entsteht zwar häufig in Reaktion auf Niedergeschlagenheit oder Einsamkeit, mindert beides aber, indem sie ein positives Selbstbild und soziale Verbundenheit vermittelt.

Der sentimentale Blick in die Vergangenheit ist also bittersüß, wobei die positiven gegenüber den negativen Emotionen überwiegen. Zum Glück, schließlich erleben mehr als 80 Prozent der Menschen wöchentlich Nostalgie. Ausschlaggebend ist in diesem Zusammenhang die sogenannte identity continuity: Fühlen wir eine enge Verbindung zu der Person, die wir damals waren, dann erleichtert uns die Nostalgie den Umgang mit neuen Herausforderungen. Haben wir dagegen das Gefühl, dass wir momentan weit weniger Möglichkeiten haben als die Person, die wir damals waren, dann ist die Nostalgie eine schmerzliche Erinnerung an das unwiederbringlich Verlorene.

Mit diesem Wissen lässt sich die Nostalgie als Motor nutzen statt dabei in Melancholie zu verfallen: Am letzten Wochenende backte ich mit meinen Kindern Herbstplätzchen: In nostalgischer Erinnerung an meine eigene Kindheit und in vorfreudiger Aussicht auf das nächste Weihnachtsfest. Und meinen Kindheitstraum erfülle ich mir zumindest insofern, als dass ich jetzt meinen Motorradführerschein mache, um spätestens im nächsten Frühling mit einer roten Vespa durch Berlin zu düsen. Die Vorfreude ist entzückt und wer weiß, vielleicht verschlägt es mich ja doch noch irgendwann in die italienischen Weinberge.

Zum Weiterlesen

Cheung, W.-Y., Wildschut, T., Sedikides, C., Hepper, E. G., Arndt, J., & Vingerhoets, A. J. J. M. (2013). Back to the future: Nostalgia increases optimism. Personality and Social Psychology Bulletin, 39, 1484-1496.

Iyer, A., & Jetten, J. (2011). What’s left behind: Identity continuity moderates the effect of nostalgia on well-being and life choices. Journal of Personality and Social Psychology, 101, 94-108.

Sedikides, C., Wildschut, T., Arndt, J., & Routledge, C. (2008). Nostalgia: Past, present, and future. Current Directions in Psychological Science, 17, 304-307.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

psychologie des hohen lebensalters.
neuer artikel in ‚aus politik und zeitgeschichte’.

28 Sep

APuZ 2015: Hochbetagt

Der demografische Wandel ist mittlerweile ein alter Begleiter. Und dies nicht nur, weil mit ihm, zumindest in Deutschland, eine Alterung der Bevölkerung einhergeht, sondern auch, weil seine Auswirkungen bereits seit über 40 Jahren spürbar sind. Zahlreiche Konsequenzen für die Altersvorsorge, das Gesundheitswesen, die Wirtschaft im Allgemeinen und die Arbeitswelt im Besonderen wurden bereits umfangreich diskutiert. Umso erstaunlicher ist, dass den psychologischen Konsequenzen einer alternden Bevölkerung in der Wissenschaft bisher vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zukam.

In diesem Artikel gebe ich einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Psyche und insbesondere zur Persönlichkeit im hohen Erwachsenenalter. Auf Basis dieser Befunde leite ich ab, dass sich insbesondere ältere Menschen in Bezug auf ihre Persönlichkeit noch einmal in einer besonders veränderungssensiblen Phase befinden. Diese Persönlichkeitsveränderungen sind möglicherweise das Resultat von Anpassungsprozessen an neue Entwicklungsaufgaben, mit denen Personen in dieser Lebensphase konfrontiert sind. Eine Empfehlung, die sich darauf aufbauend für den Alltag älterer Menschen, ihre Familien und die Gesellschaft im Allgemeinen ableitet, ist, dass diese Veränderungssensibilität genutzt werden sollte, um ältere Menschen in den Anpassungsprozessen an neue Herausforderungen des hohen Alters zu unterstützen. Ziel davon sollte es sein, das Entwicklungspotenzial zu nutzen, um Menschen bis ins hohe Alter hinein Wohlbefinden, Selbstbestimmtheit und Partizipation zu ermöglichen.

Der Artikel ist frei verfügbar und kann unter folgendem Link gelesen werden:
Specht, J. (2015). Psychologie des hohen Lebensalters. Aus Politik und Zeitgeschichte (Herausgeberin: Bundeszentrale für politische Bildung), 65, 3-10.

Zu ‚Aus Politik und Zeitgeschichte‘ (APuZ):
Eine deutschsprachige Fachzeitschrift, die als Beilage der deutschen Wochenzeitung ‚Das Parlament‘ erscheint und von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben wird. Jede Ausgabe befasst sich wissenschaftlich fundiert aber allgemein verständlich mit Themen von gesellschaftspolitischer Relevanz. Das Thema dieser Ausgabe lautet ‚Hochbetagt‘.

psychologie heute-blog.
über die vorzüge des offline-datings.

25 Aug

Foto von Niklas Wolter // www.niklaswolter.de

Foto von Niklas Wolter

Online-Dating floriert, selbst unter jungen, attraktiven und geselligen Partnersuchenden in Berlin, der Hauptstadt der Singles. Man fragt sich: Was bietet das Online-Dating, das Offline-Dating nicht bieten kann? Nicht viel, so scheint es, zumindest aber erfüllt es das Bedürfnis, bei der Partnerwahl unterstützt zu werden. Dabei sprechen einige Gründe dafür, sich – wenn überhaupt – dann doch besser von den Freunden verkuppeln zu lassen. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Meine Freundin Simone ist eine der zahlreichen Berliner Singles und begeisterte Online-Daterin. Mir ist das schleierhaft, weil sie viel unter Leuten ist, in der Single-Hauptstadt also zwangsläufig häufig auf Singles trifft und dabei immer wieder interessierte Blicke auf sich zieht. Wieso dann also noch Online-Dating? Simone dagegen fühlt sich bestätigt vom geheimen Matching-Algorithmus, schließlich werden ihr online immer mal wieder Männer vorgeschlagen, die ihr schon offline aufgefallen sind. Oder andersherum, denen sie schon offline aufgefallen ist. Wie kürzlich bei Stefan.

Vor einigen Wochen nahmen wir gemeinsam am Marsch der Entschlossenen teil, der jüngsten Aktion des Zentrums für politische Schönheit, das auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik aufmerksam machte. Wie sich später herausstellte, war Stefan auch da, dessen Blicke Simone auf sich zog und der in ihr eine OkCupid-Nutzerin wiedererkannte. So war die Kontaktaufnahme im Nachhinein einfach, das erste Treffen bald arrangiert und beide flugs auf dem Weg zur Wolke sieben. Und Simone fühlt sich mal wieder bestätigt über die wunderbaren Überraschungen, die dieses Dating-Portal mit sich bringt.

Dabei spricht dieses Erlebnis vielmehr gegen das Online-Dating. Denn der Grund, warum Stefan zwar Simones OkCupid-Profil kannte, sie aber nicht bereits vor dem Marsch kontaktierte, war die mangelnde Übereinstimmung ihrer vom Portal berechneten Passung. Das Online-Dating wirkte, zumindest anfangs, also als Verkupplungs-Verhinderer. Ganz stimmt das natürlich nicht, da die Kontaktaufnahme schlussendlich über das Online-Portal verlief. Ein bisschen Mut, den anderen in persona anzusprechen, wäre ohne Online-Hilfe also notwendig gewesen. Und auf einem Trauermarsch mag das unpassend erscheinen, schließlich flirtet man auch nicht auf einer Beerdigung.

Warum aber melden sich so viele Singles bei Online-Dating-Portalen an, wenn man sich, wie im Fall von Simone, wahrscheinlich ohnehin irgendwann offline über den Weg laufen wird? Schließlich bietet die Offline-Welt eine hervorragende Möglichkeit der Vorselektion. Schließt sich jemand dem friedlichen, aber entschlossenen zivilen Ungehorsam an, wie Simone und Stefan, dann ist das schon mal eine vielversprechende Gemeinsamkeit, auf der sich aufbauen lässt. Ähnliches dachte sich vermutlich auch der Teilnehmer meines Lieblingsfestivals, dem Immergut, der deshalb vor Ort auf Analog-Tinder setzte. Kann das Online-Dating darüber hinaus wertvolle Zusatzinformation bieten?

Zumindest erfüllt es das Bedürfnis, bei der Partnerwahl unterstützt zu werden. Wenn man schon selbst nicht weiß, mit wem man glücklich wird, vielleicht weiß es dann ein Matching-Algorithmus. Oder die Mutter. Wie im Fall des Romanhelden Mordechai Wolkenbruch, einem jungen, orthodoxen Juden, dessen Mutter ihn durch eine tour de schidech schickt, zu einer überambitionierte Heiratsvermittlerin, die ihn jedoch aufgrund der Flut unpassender Partnerinnenvorschläge zur Verzweiflung bringt. Fehlt die überambitionierte Mutter, dann kann ein Verkupplungs-Coach weiterhelfen, zum Beispiel Amy Andersen, die verspricht, nerdige Singles im Silicon Valley unter die Haube zu bringen.

Wenn schon verkuppelt werden, dann doch lieber von Freunden in der Offline-Welt. Als wir kürzlich zum Beispiel den 40. Geburtstag von Ben, einem guten Freund, feierten, wurde jeder Gast um einen Sampler mit den persönlichen Hits der letzten 40 Jahre gebeten. Ein hervorragender Blick in die Psyche der Eingeladenen. Als die Sonne bereits hinter dem Fernsehturm aufging, kam deshalb die Idee auf, die Sampler-Übereinstimmung als Matching-Algorithmus zu nutzen. Sicherlich eine vielversprechende Informationsquelle, hätten wir uns bis dahin nicht sowieso alle schon so gut kennengelernt.

Oder man lässt sich beim Running Dinner, das ein Freund ab und an organisiert, verkuppeln. Mitmachen dürfen dort ausschließlich Freunde des Organisationsteams, die dann mit viel Mühe und Hingabe Pärchen bilden. Die Idee: Vorspeise, Hauptgang und Dessert werden von unterschiedlichen Pärchen kreiert, die dafür jeweils zwei andere Paare in die Wohnung einer kochenden Pärchen-Hälfte einladen. Es wird also viel gegessen und die Kalorien anschließend bei hastigen Wohnungswechseln wieder abgerannt. Vor allem aber bietet sich die Gelegenheit, ausgiebig den Kochpartner kennenzulernen, den zumindest die Freunde für eine gute Partie halten.

Zum Weiterlesen

Meyer, T. (2012). Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse. Zürich: Salis Verlag.

Rudder, C. (2014). Dataclysm: Who we are when we think no one’s looking. London: Fourth Estate.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden Dienstag schreibt darin einer von sechs Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

psychologie heute-blog.
über den mangel an (echten) prioritäten.

21 Jul

Foto von Nadia J. Mahfix

Foto von Nadia J. Mahfix

Ein Text über die absurden Entscheidungen, die man so oft trifft. Wenn der gute Freund im Krankenhaus, der Großvater im Sterben oder die Beziehung in Scherben liegt. Alles aus einem Gefühl alternativloser Verpflichtung heraus und kein Homo oeconomicus in Sicht, der alternative Verhaltensweisen überlegt abwägt. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Wir laufen den Highway entlang, so schnell es eben geht. Wobei schnell in diesem Fall übertrieben ist. Es sind über 30 Grad im Schatten und mein guter Freund James und ich irren orientierungslos zum nahegelegenen Krankenhaus. Sein Herz scheint zu stolpern. Das hält den freundlichen Muskelmann am Eingang der Notaufnahme allerdings nicht davon ab, uns erst einmal in Ruhe nach Waffen zu durchsuchen, schließlich sind wir hier in einer der gefährlichsten Städte der USA. Absurd.

Wenig später liegt James zwischen zahlreichen Kabeln an piependen Maschinen, die jeden Schluckauf seines Herzens notieren und mit Warnmeldungen markieren. So schnell kann’s gehen: Eben noch plauderte man fröhlich auf der Konferenz, jetzt wird eine Herz-OP geplant. Zum vierten Mal werde ich vom Klinikpersonal gefragt, ob es mir gut gehe, ich sähe nicht so aus, aber das wird schon wieder. Als mentale Unterstützung versage ich jedes Mal im Krankenhaus, aber zumindest mache ich Fotos von den Warnmeldungen und schicke sie James‘ Vater, einem Chirurgen.

Dann naht der Abschied, mein Flieger startet sonst ohne mich. Keine Zeit mehr, das Handyaufladekabel aus dem Hotel zu holen. Keine Zeit, die letzten Testergebnisse abzuwarten. Stattdessen sitze ich wenig später im Flugzeug Richtung Berlin. Und frage mich, was ich hier eigentlich mache, warum ich nicht im Krankenhaus geblieben bin, male mir aus, was gerade alles schiefgehen kann. Es macht es nicht besser, dass James während meiner Zwischenstopps nicht zu erreichen ist. Wie auch, das Handy ist schließlich leer und er liegt verkabelt in der Notaufnahme.

Im Nachhinein frage ich mich, warum sich die Verpflichtung, den Flug zu erreichen, so alternativlos anfühlte, warum man in einer aufwühlenden Situation so merkwürdige Prioritäten setzt. Ähnlich bei Martin, einem Freund, dessen Großvater kürzlich im Sterben lag und der vom Sterbebett abreiste, um am Montag pünktlich bei der Arbeit zu sein. Wahrscheinlich hat das seinen Opa nicht gestört, weil er bereits nicht mehr bei Bewusstsein war. Dennoch erstaunt es, welchen Verpflichtungen wir uns unterwerfen, welche Prioritäten wir setzen.

Ein Exfreund warf mir (berechtigterweise) einmal vor, dass es eine Zumutung für eine Beziehung sei, wenn man einen Termin vereinbaren müsse, um mal ein dreiminütiges Gespräch miteinander zu führen. Es sei beruflich einfach zu viel los, mag mal irgendwie wahr gewesen sein, klingt bei diesem Vorwurf aber mehr als lahm. Und das Problem wiederholt sich. Vor wenigen Tagen schrieb ein guter Freund resigniert: „Im Moment erlauben es unsere Leben vielleicht nicht, dass wir uns häufiger sehen.“ „#waserlaubtschondasleben“, schreibe ich zurück.

Meist kommt man im Alltagstrubel ja kaum dazu, vorsorglich Prioritäten abzuwägen. Ben, ein befreundeter Ökonom, ist der Überzeugung, unser Verhalten sei allein von unserer Antizipation abhängig. Homo oeconomicus at its best. Das psychologische Äquivalent dazu sind Erwartung-mal-Wert-Modelle: Unser Verhalten bestimmt sich danach aus der Bewertung der erwarteten Konsequenzen ebendiesen (und jeden alternativen) Verhaltens. Nur: Selten stehen alle Verhaltensoptionen klar nebeneinander, ebenso wenig wie deren Konsequenzen und Zeit für überlegtes Abwägen ist sowieso nicht. Stattdessen entscheidet das Bauchgefühl, das oftmals überfordert ist und sich dann scheinbar alternativlosen Verpflichtungen ergibt.

Man sollte seine Prioritäten neu sortieren. Um der Intuition eine Richtschnur zu geben, wenn man wieder zwischen zwei schlechten Alternativen entscheiden muss. Oder wenn man wieder etwas Gutes ziehen lassen muss, um etwas anderes Gutes nicht zu verpassen. Es ist ein bisschen wie bei Jankel, der seiner Ziehtochter Brod trotz Geldmangels Bücher kauft, woraufhin sie protestiert und er entgegnet: „Aber wir können uns auch nicht leisten, sie nicht zu haben. Was können wir uns weniger leisten: sie zu haben oder sie nicht zu haben? Meines Erachtens verlieren wir auf jeden Fall. Wenn es nach mir geht, verlieren wir und haben dafür wenigstens die Bücher.“ So ist es auch mit der Zeit: Man hat immer viel zu wenig davon, aber dann sollte man doch lieber keine Zeit haben und sie mit seinen Liebsten verbringen.

Zum Weiterlesen

Brandstätter, V. (2000). Motivation. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.

Foer, J. S. (2003). Alles ist erleuchtet. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden Dienstag schreibt darin einer von sechs Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

psychologie heute-blog.
über das überschätzen psychologischer ratschläge.

16 Jun

Foto von Jen Collins

Foto von Jen Collins

Meist können wissenschaftliche Studien Auskunft über die Allgemeinheit geben, selten aber über den Einzelfall. Eine kritische Distanz zu psychologischen Ratschlägen ist deshalb empfehlenswert. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Meist können wissenschaftliche Studien Auskunft über die Allgemeinheit geben, selten aber über den Einzelfall. Eine kritische Distanz zu psychologischen Ratschlägen ist deshalb empfehlenswert.

Manchmal bekomme ich Briefe von Menschen, die ich nicht kenne. Vor wenigen Monaten schickte mir zum Beispiel ein Berliner eine Idee zu meiner Forschung. Seitdem schreiben wir uns hin und wieder und denken die Idee weiter, das ist sehr inspirierend. Häufiger als Ideen bekomme ich allerdings Briefe mit Fragen. Und meist schließen sich diese Fragen an eine ausführliche Beschreibung der Lebenssituation des Schreibenden an. Solche Fragen ehren mich, wegen ihrer unbekümmerten Offenheit und wegen des Glaubens, ich hätte einen psychologischen Rat. Das Problem ist: Oft werden psychologische Ratschläge hoffnungslos überschätzt.

Zum Beispiel war ich vor einiger Zeit auf einer feierlichen Abendveranstaltung mit einem anschließenden köstlichen Buffet. Während ich mir kleine verzierte Gemüseschnitze auf den Teller stapelte, sprach mich ein junger Mann an, er habe gehört, ich sei Psychologin und schreibe über die Liebe, er habe da mal eine Frage. Das klang nach einer spannenden Geschichte. Und so saß ich wenige Sekunden später zwischen dieser ganzen vornehmen Förmlichkeit und lauschte Berichten zu romantischen Höhepunkten (beziehungsweise dem Ausbleiben dieser), verspäteten Liebeserklärungen auf dem Eiffelturm und unerwiderter Liebe.

Und dann folgte die Frage nach dem psychologischen Rat. Schwierig. Ich habe mich natürlich bemüht, bin dann aber doch ans Buffet geflüchtet. Denn es ist ja so: Solche Lebensgeschichten wecken zwar genau die Neugier, die vor zehn Jahren mein Grund für das Psychologiestudium waren, in der Wissenschaft geht es aber kaum um den Einzelfall, sondern meist um allgemeine Zusammenhänge. Mit den Fragen nach Rat kommen dann aber eben nicht Max Mustermann und Lieschen Müller, sondern in den allermeisten Fällen Menschen in ungewöhnlichen Lebenssituationen.

Neulich saß ich mit meiner Freundin Maria im Hotel Seeblick, einem Café in Leipzigs Südvorstadt. Es ging um die Liebe, beziehungsweise um eine verkorkste Situation, in der sie sich befand. Maria ist absolut immun gegen psychologische Ratschläge, schließlich hantiere man ja nur mit Wahrscheinlichkeiten und in ihrem Einzelfall könne alles ganz anders sein. Stimmt natürlich. Aber bei der Wahl zwischen einer Brücke mit einem Einsturzrisiko von 99 Prozent und einer solchen mit einem Einsturzrisiko von 1 Prozent würden die meisten dann doch die zweite überqueren. Einstürzen kann man dabei aber natürlich trotzdem.

Ohnehin sind Ratschläge aus dem Elfenbeinturm mit Vorsicht zu genießen, findet Markus. Mit ihm und weiteren Freunden treffe ich mich einmal im Monat und meist wird sich dann zu den romantischen Highlights der vergangenen Wochen ausgetauscht. Es sind einige Psychologen darunter, Rat lässt also meist nicht lange auf sich warten. Als wir kürzlich im Café Schadé im Wedding saßen und weit über die erste geteilte Rotweinflasche hinaus waren, meinte Markus, es sei doch erstaunlich, dass sich häufig gerade diejenigen beruflich einem Thema widmeten, die in der Realität keinen blassen Schimmer davon hätten. Nun ja, wissenschaftliche Informiertheit ist eben längst noch kein Erfolgsgarant für die Alltagsbewältigung.

Manchmal sind wackelige Brücken sowieso die bessere Option. Ich habe zum Beispiel meine Tochter mit 18 und meinen Sohn mit 21 Jahren bekommen. Dass dies der Weg über die wackelige Brücke ist, zeigen zahlreiche Studien zu den Risiken früher Elternschaft. Und wackelig ist es tatsächlich, aber ganz eingestürzt ist die Brücke nicht. Manchmal muss man eben neue Brücken bauen, wissenschaftliche Ergebnisse sind schließlich auch nur ein Spiegel der Gesellschaft und müssen eben nachziehen, wenn sich die Realität verändert.

Zum Weiterlesen

Boden, J. M., Fergusson, D. M., & Horwood, L. J. (2008). Early motherhood and subsequent life outcomes. The Journal of Child Psychology and Psychiatry, 49, 151-160.

➲ über neue Brücken: Wissenschaft und Familie: Eine Dialogplattform.

Soundtrack zum Blog-Post

➲ über einen gut gemeinten Ratschlag: „The Cigarette Duet“ von Princess Chelsea

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden Dienstag schreibt darin einer von sechs Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

bin das noch ich?
über ein neues buchprojekt.

8 Jun

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Foto von paurian

Bin das eigentlich noch Ich, wenn sich meine Persönlichkeit verändert hat? Ändert sie sich überhaupt? Und was ist Persönlichkeit, wenn man sie weder sehen noch anfassen, weder schmecken noch riechen oder hören kann? Oder kann man das doch?

Genau darum wird es gehen, im neuen Buchprojekt. Darum, was Persönlichkeit ist (und was sie nicht ist), wie sie in ausnahmslos jedem Lebensbereich ihre Finger im Spiel hat (und wo sie unterliegt), was eine gute Persönlichkeit ist (oder warum es das nicht geben kann), welche Vorhersagen sie über Jahrzehnte hinweg erlaubt (und was daran nicht schicksalhaft ist) und vor allem wie und warum sie sich verändert (und wie sie dabei gleichzeitig stabil bleiben kann).

Und es wird mit verbreiteten Illusionen aufgeräumt. Denn es geht auch darum, ob es vor allem frühe Kindheitserfahrungen sind, die uns prägen (oder welche stattdessen), ob wir Schicksalsschläge brauchen um zu reifen (oder warum sie uns daran hindern), ob uns positive Ereignisse glücklich machen (oder wie sie uns unglücklicher machen), ob vorherbestimmt ist wer wir sind und sein werden (oder wie sich die Persönlichkeit ändern lässt).

Zwischen dem Hier und Jetzt und dem gedruckten Buch — das wieder im Rowohlt Verlag erscheinen wird — liegen nicht nur einige Monate, sondern auch fast eine halbe Million Zeichen. Und wie auch schon beim ersten Buchprojekt stellt sich nun die Frage nach den Fragen, die sich den Lesenden stellen: Welchem Thema sollte unbedingt Platz eingeräumt werden und zu welchen küchenpsychologischen ‚Fakten‘ sollte mal die empirische Evidenz befragt werden?

Fragen und Anregungen sind herzlich willkommen unter jule@jule-schreibt.de.