lübeck!
ein persönliches einschneidendes lebensereignis.

1 Okt

„Lübeck"

Bye Freie Universität Berlin, hello Universität zu Lübeck! Nach vier wunderbaren Jahren an der FU Berlin (ich werde Dich vermissen!) startet heute ein neuer Lebensabschnitt an der Uni Lübeck. Das bedeutet: Neue Forschungsperspektiven mit neuen Kolleginnen und Kollegen und Neugier darauf wie es sich wohl so forscht und lehrt, dort oben im Norden.

Und so wird ‚research‘ nun tatsächlich ‚me-search‘ und die Forschungsprojekte zum Einfluss einschneidender Lebensereignisse auf die Psyche mal wieder einem persönlichen Alltags-Check unterworfen. Was ist also zu erwarten? Veränderung! Denn die Persönlichkeit passt sich erstaunlich flexibel an neue berufliche Herausforderungen an (deutlich mehr als an familiäre Veränderungen). Bezieht man die Ergebnisse einer schönen Studie von Julia Zimmermann und Franz Neyer auf diesen konkreten Fall, dann kann ich erwarten in den kommenden Monaten offener für neue Erfahrungen, verträglicher und emotional stabiler zu werden. Bedingt wird das durch neue soziale Beziehungen und den Verlust bisheriger Beziehungen. Von Verlust kann in meinem Fall jedoch keine Rede sein, dann der Hauptwohnsitz bleibt vorerst in Berlin, ebenso wie die Affiliation zum Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin.

Eigentlich ist es also gar kein Abschied, sondern vielmehr eine Horizonterweiterung zum Meer. Und das ist schön, denn ich liebe Berlin und ich liebe das Meer. Mal sehen, was meine Persönlichkeit draus macht.

psychologie heute-blog.
über die persönlichkeit der politik.

13 Sep

foto_von_anna_lena_schiller

Foto von Anna Lena Schiller

Nicht nur Menschen unterscheiden sich in einer Fülle von Eigenschaften voneinander, sondern Parteien ebenso. Zumindest wenn man sie sprachlich analysiert. Einen Blick in die ‚Psyche‘ der Politik wagt dieser Blogtext anhand der Berliner Wahlprogramme, in denen überraschend wenig Blabla und umso mehr Parteispezifika stecken. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

***

„Ich könnte nie eine Partei wählen, die ein Plakat hat, auf dem der Kopf von einem Kind abgeschnitten ist“, stellt meine Tochter fest. Wir fahren durch Berlin und die Straßen sind mit Wahlkampfplakaten gesäumt. Ganz so makaber wie es klingt, ist es allerdings nicht: Der Spitzenkandidat der Berliner CDU möchte lediglich seine Nähe zur Familie mit einem Foto seines Sohnes unterstreichen, gleichzeitig aber anscheinend dessen Persönlichkeitsrechte schützen. Deshalb zeigt das Plakat den Körper des Jungen ohne Kopf. Nun ja, diese Unentschlossenheit irritiert.

Abgesehen von solchen Fauxpas‘ geben Wahlplakate eher wenig her. Links der Mitte wird mit Vielfalt und Zusammenhalt geworben, rechts der Mitte mit Sicherheit und Stabilität. Letztendlich dominiert aber das Bild. Es ist ein bisschen wie bei Tinder: Potentiell wichtige Entscheidungen sollen auf Basis eines bedingt aussagekräftigen Bildes gemacht werden. Vermutlich folgerichtig werben SPD und CDU in Berlin nun auch auf Tinder für Wählerherzen. Schade, dass sich nicht auch einige Straßenplakate per Wisch nach links aus dem Blickfeld sortieren lassen.

Einen besseren Einblick bieten da die Wahlprogramme. Und das BlaBlaMeter entlarvt auch gleich: So viel Blabla ist da gar nicht, aber natürlich gibt es individuelle Unterschiede. Grüne und Linke, dicht gefolgt von der SPD, haben einen sogenannten Bullshit-Index von etwa .30, das ist (fast) so gut wie ein hochwertiger journalistischer Text. Die Piraten sind dagegen weit abgeschlagen, noch hinter FDP und CDU. Allerdings ist der Hang zum leeren Gerede auch nur ein Aspekt der Persönlichkeit.

Einen tieferen Blick in – wenn man so möchte – die Psyche der Parteien bietet ein anderes Instrument der Psychologie: das Linguistic Inquiry and Word Count (kurz: LIWC). Über automatische Textanalysen kann es verschiedene Aspekte der Persönlichkeit aufdecken. James Pennebaker wies damit zum Beispiel auf Persönlichkeitsunterschiede zwischen Hillary Clinton und Donald Trump hin: Während Hillary Clinton optimistisch, abwägend und kooperativ sei, sei Donald Trump pessimistisch, selbstüberzeugt und machtmotiviert. Bei solchen Individualdiagnosen aus der Ferne ist jedoch Vorsicht geboten, wie die New York Times kürzlich richtig mahnte.

Die Analyse der Berliner Wahlprogramme ist dagegen unverfänglicher und zeigt eine bunte Mischung an Merkmalen: Die SPD gibt sich vor allem gemeinschaftlich, ist positiv, selbstsicher, mit Fokus auf der Vergangenheit. Auch die CDU strahlt viele positive Emotionen aus, gibt sich aber weniger selbstsicher und kommunikativ. Die Grünen zeigen sich vor allem rational und sozial, dafür wenig emotional. Im Gegensatz dazu stechen bei den Linken viele negative und wenig positive Emotionen hervor. Auch die AfD fällt durch wenig positive, dafür umso mehr negative Emotionen auf und sie setzt auch im Sprachstil eher auf Abgrenzung als Integration.

Natürlich ersetzen solche Persönlichkeitszuschreibungen keinen Wahl-O-Mat. Sie zeigen aber, dass sich nicht nur Menschen in einer Fülle von Eigenschaften voneinander unterscheiden, sondern Parteien ebenso. Zumindest wenn man sie sprachlich analysiert. Dass die Sprache in der Politik aber zentral ist, betont die Linguistin Elisabeth Wehling. Ihrer Aussage nach gibt es keinerlei lose Fakten, stattdessen ist jede (politische) Botschaft durch Deutungsrahmen verzerrt und damit manipulativ. Ebenso wie dieser Blogartikel übrigens, der immerhin einen akzeptablen Bullshit-Index von .26 hat und laut LIWC deutlich persönlicher und optimistischer ist als jedes der Wahlprogramme.

Zum Weiterlesen

Dönges, J. (2009). Du bist, was Du sprichst. Gehirn und Geist, 1-2, 24-28.

Pennebaker, J. W., & King, L. A. (1999). Linguistic styles: Language use as an individual difference. Journal of Personality and Social Psychology, 77, 1296-1312.

Wehling, E. (2016). Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Köln: Halem Verlag.

***

Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

persönlichkeit & lebensereignisse.
bewilligung von förderung durch einstein stiftung.

24 Jul

Foto von Dmitri Markine

Foto von Dmitri Markine

Spannende Forschungsprojekte benötigen Zeit und Geld. Beides – nämlich über 3 Jahre hinweg insgesamt 344.400 € – hat mir die Einstein Stiftung bewilligt. Vielen Dank! Damit kann ich nun der Frage nachgehen, wie sich die Persönlichkeit während einschneidender Lebensereignisse verändert. Denn während sie sich an viele berufliche Lebensereignisse hervorragend anpasst, gelingt das bei familiären Lebensereignissen deutlich seltener. Das ist erstaunlich und bisher unerklärlich. Zum Glück gibt es neben Ideen zu möglichen Ursachen dieser Unterschiede nun auch notwendige Ressourcen um diese Forschungsfrage eingehend zu untersuchen.

***

Logo_Einstein_Stiftung

Die Einstein Stiftung Berlin wurde 2009 vom Land Berlin gegründet. Zweck der Stiftung ist es, Wissenschaft und Forschung in Berlin auf internationalem Spitzenniveau zu fördern und das Land dauerhaft als attraktiven Wissenschaftsstandort zu etablieren. Neben den Erlösen aus dem Stiftungskapital stehen der Stiftung Mittel des Landes zur Verfügung. Förderprojekte werden von einer hochkarätig besetzten, unabhängigen wissenschaftlichen Kommission ausgewählt. Zustiftungen und Fördergelder sind willkommen.

psychologie heute-blog.
über große und größere sorgen.

18 Jul

Foto von vintagecat

Foto von vintagecat

Die eigenen Sorgen sind meist nicht die größten, merke ich wieder. Denn gegen einen Hirntumor oder den Psychiatrie-Alltag, ein totes Kind oder hunderte Bürgerkriegstote sind die eigenen Probleme meist ein Klacks. Nach der Amokfahrt in Nizza und dem Putschversuch in der Türkei – beides geschah nach Abgabe dieses Textes – sollte man vielleicht sogar von großen, größeren und noch größeren Sorgen sprechen. Aber werden davon die großen Sorgen kleiner?

Geht es Menschen schlecht, vergleichen sie sich häufig mit Personen denen es noch schlechter geht, das schützt nämlich das eigene subjektive Wohlbefinden vor dem Kollaps. Es ist jedoch ein schmaler Grat zwischen den Vorteilen und Nachteilen dieser sozialen Vergleiche. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

***

Die eigenen Sorgen sind meist nicht die größten, merke ich wieder. Kürzlich, an einem dieser warmen Berliner Sommerabende, sitze ich zur Belohnung nach einem fleißigen Schreibtag lesend bei einem Glas Weinschorle in der Böse Buben Bar. Es ist Freitag, überall Geplauder und Gelächter. Bei mir stattdessen ein Anflug des Gefühls großstädtischer Einsamkeit. Im Trubel um mich herum ist die Stimmung gelöst, ich dagegen vertiefe mich – allein – in den erschütternden Psychiatrie-Alltag in Rainald GoetzIrre.

Am Nebentisch treffen sich derweil drei alte Freundinnen wieder. Wie es scheint, nach langer Zeit. Ehemalige Kommilitoninnen vielleicht, thirtysomething. Natürlich lauscht man nicht, aber der Wind trägt die Worte ungefragt herüber: Eine der drei eröffnet, sie hätte eine Hirntumor-Diagnose erhalten. Bam. Die Freundinnen sind offensichtlich geschockt, sie sagen erst nichts, dann Belangloses, totale Überforderung. Was soll man auch sagen, denke ich. „Don’t cry – work“, lese ich bei Goetz. Und: „Nur die Arbeit hilft gegen das ganze schlimme Leben.“

Die eigenen Sorgen sind gegen Hirntumor und Psychiatrie-Alltag ein Klacks. Macht es das besser? Psychologische Studien zu sozialen Vergleichen nehmen das tatsächlich an. Besonders häufig vergleichen sich, laut einer Studie von Ladd Wheeler und Kunitate Miyake, Menschen mit engen Freunden und weitaus häufiger über sogenannte downward comparisons. Das heißt, wir vergleichen uns bevorzugt mit schlechter gestellten Menschen unseres näheren Umfelds. Und das ist durchaus funktional, denn in dieser Studie fühlten sich die Probanden anschließend besser. Upward comparisons dagegen haben den umgekehrten Effekt, sind also nicht empfehlenswert.

Ich finde das überraschend: Ist ein gesunder, glücklicher und erfolgreicher Freundeskreis tatsächlich ein Risikofaktor für das eigene Wohlbefinden? Bestätigung dafür findet sich auch in einer Studie von Karen VanderZee und Kollegen. Sie fanden bei Krebskranken ein erstaunlich hohes Wohlbefinden und konnten dies darauf zurückführen, dass mit steigender krankheitsbedingter Belastung auch die Häufigkeit von downward comparisons steigt, die wiederum das subjektive Wohlbefinden vor dem Kollaps schützen. Zum Glück findet sich also selbst unter Schwerstkranken immer noch jemand, dem es noch schlechter geht!?

Anders bei einer guten Freundin, die vor wenigen Jahren ihr lang ersehntes Wunschkind in der fortgeschrittenen Schwangerschaft verlor. Für sie ein einschneidender Schicksalsschlag, der ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte. Ihr Vater meinte es damals vermutlich gut, als er sie an eine Bekannte der Familie erinnerte, die ein schwerstbehindertes Kind gebar, das nur zwei Jahre überlebte und rund um die Uhr von Pflegepersonal versorgt werden musste. Tröstend war das für die Freundin jedoch nicht, sondern weiteres Futter für die Hoffnungslosigkeit.

Oder bei Milo Rau: In Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs lässt er seine Hauptperson mit Blick auf das Foto des toten kleinen Jungen am Mittelmeer fragen, was denn ein einzelner Toter schon gegen all die Bürgerkriegstoten im Kongo sei. Der downward comparison als rhetorisches Ausweichmanöver, auch als Whataboutism bekannt, um von Missständen abzulenken, indem man anderes Elend ins Feld führt. Als würde die schreckliche Tragik über den sinnlosen Tod eines Kindes dadurch geschmälert, dass es woanders ebenso Leid gibt.

Es ist ganz offensichtlich ein schmaler Grat zwischen den Vorteilen und Nachteilen dieses sozialen Vergleichs: auf der einen Seite die Dankbarkeit, dass es einem selbst nicht so schlecht geht, wie es gehen könnte. Auf der anderen Seite das Gefühl, dass die eigenen ernstzunehmenden Probleme nicht als solche erkannt werden. Zurück zum Anfang: In den eben noch wohlig warmen Sommerabend ist mit der niederschmetternden Nachricht der unbekannten Tischnachbarin die Kälte eingezogen. No benefits from downward comparison here.

Zum Weiterlesen

Goetz, R. (1986). Irre. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

VanderZee, K. I., Buunk, B. P., DeRuiter, J. H., Tempelaar, R., VanSonderen, E., & Sanderman, R. (1996). Social comparison and the subjective well-being of cancer patients. Basic and Applied Social Psychology, 18, 453-468.

Wheeler, L., & Miyake, K. (1992). Social comparison in everyday life. Journal of Personality and Social Psychology, 62, 760-773.

***

Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

karrierechancen in der wissenschaft.
podiumsdiskussion zum bundesprofessur-vorschlag.

4 Jul

„Foto

Foto von ironpoison

Die Karrierechancen für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind verbesserungswürdig. Das Hauptproblem ist, dass es zwar viele zeitlich befristete, projektbezogene Förderformate gibt, jedoch zu wenig langfristige Perspektiven. Um dies zu verbessern, haben Mitglieder der Jungen Akademie kürzlich eine Bundesprofessur vorgeschlagen. Diese neue Stellenkategorie wird nun im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern von Wissenschaft und Politik aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Interessierte sind herzlich eingeladen!

Was
Podiumsdiskussion zu „Karrierechancen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – Vorschlag Bundesprofessur“ im Rahmen der Akademievorlesung „Exzellenzinitiative 3.0: Strukturfragen“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Wer
Sabine Kunst, Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin
Richard Münch, Soziologe an der Universität Bamberg
Steffen Krach, Staatssekretär für Wissenschaft in Berlin
ich, Psychologin an der Freien Universität Berlin und Mitglied der Jungen Akademie
Moderation: Anna-Lena Scholz, freie Journalistin (u.a. für ZEIT und Tagesspiegel)

Wann
14. Juli 2016 um 18:00 Uhr

Wo
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Einstein-Saal
Akademiegebäude am Gendarmenmarkt, Jägerstraße 22/23, 10117 Berlin

Weitere Informationen
zur Veranstaltung: hier
zur Bundesprofessur: hier als Überblick und hier im Detail

***

Logo Die Junge Akademie

Die Junge Akademie wurde im Jahr 2000 als weltweit erste Akademie für herausragende junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ins Leben gerufen. Ihre Mitglieder stammen aus allen wissenschaftlichen Disziplinen sowie aus dem künstlerischen Bereich – sie loten Potenzial und Grenzen interdisziplinärer Arbeit in immer neuen Projekten aus, wollen Wissenschaft und Gesellschaft ins Gespräch miteinander und neue Impulse in die wissenschaftspolitische Diskussion bringen. Die Junge Akademie wird gemeinsam von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina getragen. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin.

work21 – arbeiten im 21. jahrhundert.
auf den spuren des fotografen august sander.

29 Mai

Foto von Frank Nürnberger

Foto von Frank Nürnberger

Im letzten Jahrhundert schuf der Fotograf August Sander das umfangreiche Werk Menschen des 20. Jahrhunderts. Rund 90 Jahre später lässt sich der Berliner Fotograf Frank Nürnberger davon inspirieren und schafft Work21, ein ebenfalls umfangreiches Porträtprojekt über das Arbeiten im 21. Jahrhundert in den Bereichen „Bildung und Wissenschaft“, „Internet und Digitales“, „Kunst, Kultur und Unterhaltung“ sowie „Bauen und Wohnen“.

Das Besondere: In jedem Bereich gibt es 7 Porträtserien mit je 7 Aufnahmen, aber nur die erste Person wurde vom Fotografen ausgewählt. Alle folgenden Personen werden von der vorhergehenden Person vorgeschlagen. So informiert das Porträtprojekt nicht nur über einzelne Personen und ihren Beruf, sondern auch über berufliche Netzwerke.

Ich freue mich sehr, dass ich Teil dieses famosen Porträtprojekts sein darf. Vielen Dank an Ute Frevert (Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung) für ihren – im wahrsten Sinne des Wortes – bezaubernden Vorschlag. Weiter geht es mit Steffen Krach (Staatssekretär für Wissenschaft in Berlin), den ich für dieses Porträtprojekt vorschlage. Ich bin gespannt auf alle noch folgenden Porträts und kann wärmstens empfehlen sich die bisherigen Fotos und Videos des Projekts auf work21.de anzusehen.

psychologie heute-blog.
über fragmentierte liebesleben.

23 Mai

Foto von Priscila Tonon Ramos

Foto von Priscila Tonon Ramos

Die Suche nach der großen Liebe gestaltet sich manchmal wie die vergebliche Suche nach der sogenannten eierlegenden Wollmilchsau. Statt zu resignieren hat meine Freundin Anna ihr Liebesleben perfektioniert indem sie es vor einiger Zeit fragmentierte. Unterschiedliche Bedürfnisse, die sich in einer klassischen Partnerschaft exklusiv an eine Person richten, werden in ihrem Leben auf drei Männer verteilt. Aber macht diese ‚Arbeitsteilung‘ im Liebesleben glücklich? [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

***

Meine Freundin Anna hat ihr Liebesleben perfektioniert, indem sie es vor einiger Zeit fragmentierte. Unterschiedliche Bedürfnisse, die sich in einer klassischen Partnerschaft exklusiv an eine Person richten, werden in ihrem Leben auf drei Männer verteilt: (1) Ihre vergangene große Liebe, mit der sie ein Kind großzieht, aber nicht mehr zusammenlebt, (2) eine Affäre mit einem vergebenen Mann, mit dem sich das Bett, aber nicht der Alltag teilen lässt und (3) einer potenziellen großen Liebe (wie sie es nennt) mit der sie eine tiefe, aber ausschließlich platonische Beziehung pflegt.

Organisatorisch und emotional klingt das für mich nach einer Herausforderung. Andererseits erscheint es durchaus konsequent die vergebliche Suche nach der sogenannten eierlegenden Wollmilchsau zu lösen, in dem man sich – dieser Analogie folgend – einen Bauernhof zulegt. Den Männern gegenüber hat meine Freundin Anna keinerlei Verpflichtungen und bekommt von jedem das Beste. Aber macht diese ‚Arbeitsteilung‘ im Liebesleben glücklich? Aus psychologischer Sicht spricht zumindest einiges dafür, denn Diversität wirkt sich in vielen Lebensbereichen positiv auf das Wohlbefinden aus.

Nehmen wir zum Beispiel sogenannte Emotionships. So werden soziale Beziehungen genannt, die unterschiedliche Bedürfnisse bei der Emotionsregulation erfüllen. Der Partner eignet sich vielleicht hervorragend dazu, die eigene Ängstlichkeit zu mindern, während sich die beste Freundin eher dadurch auszeichnet, dass sie in traurigen Augenblicken aufheitern kann. Elaine Cheung und Kollegen fanden heraus, dass die Personen am glücklichsten sind, die möglichst viele Emotionships haben. Das Wohlbefinden ist also dann am höchsten, wenn eine Person, je nach Stimmungslage, auf unterschiedliche soziale Beziehungen zugreifen kann.

Auch fühlen sich Menschen besonders dann unterstützt, wenn sie sich einer großen Anzahl unterstützender Personen sicher sind, selbst wenn die individuelle Unterstützung sehr klein ist. Anstatt also alle Emotionen und Sorgen bei einer einzigen Person abzuladen, empfiehlt es sicher eher, ein möglichst diverses Netz an sozialen Kontakten aufzubauen, die alle einen kleinen spezialisierten Teil übernehmen. Sheldon Cohen und Denise Janicki-Deverts berichten sogar, dass Personen mit diverseren sozialen Netzwerken länger leben, widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten sind und sich von schweren Krankheiten besser erholen.

Aber zurück zur Liebe: Die Polyamorie wird weiter an Bedeutung gewinnen, erwartet Milosz Matuschek. In Zeiten der ‚Sharing Economy‚ wird eben nicht nur die Wohnung per Airbnb und das Auto per DriveNow geteilt, sondern auch der Lebensgefährte. Die romantische Dyade sei ja ohnehin nur eine Anhäufung unhaltbarer Versprechungen. Und wer weiß, vielleicht werden unsere Kinder später ebenso ungläubig den Kopf über das Verbot der Vielehe schütteln wie wir heutzutage über die erschreckend lange Verfolgung Homosexueller? Schließlich sei, so Matuschek, doch ohnehin alles seltsam, bevor es normal wird.

Was das Wohlbefinden betrifft, so zeigt sich dieses im Allgemeinen unbeeindruckt von der Monogamie und (einvernehmlichen) Polygamie. Denn ob eine Person monogam, polyamorös oder in einer offenen Beziehung lebt, wirkt sich laut Alicia Rubel und Anthony Bogaert nicht auf ihr Wohlbefinden aus. Meine Freundin Anna erhofft sich dagegen noch Luft nach oben und sieht ihr fragmentiertes Liebesleben als Übergangszustand beim Warten auf den exklusiv geliebten Traumprinzen.

Zum Weiterlesen

Cheung, E. O., Gardner, W. L., & Anderson, J. F. (2015). Emotionships: Examining people’s emotion-regulation relationships and their consequences for well-being. Social Psychological and Personality Science, 6, 407-414.

Cohen, S., & Janicki-Deverts, D. (2009). Can we improve our physical health by altering our social networks?. Perspectives on Psychological Science, 4, 375-378.

Rubel, A. N., & Bogaert, A. F. (2015). Consensual nonmonogamy: Psychological well-being and relationship quality correlates. Journal of Sex Research, 52, 961-982.

***

Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

vorschlag bundesprofessur.
debattenbeitrag von mitgliedern der jungen akademie.

20 Mai

„Specht,

Exzellente Wissenschaft braucht kluge Köpfe und langfristige Perspektiven. Es fehlt jedoch an personenbezogener, langfristiger Förderung im deutschen Wissenschaftssystem. Diesem Mangel wirken nun Mitglieder der Jungen Akademie mit einem Debattenbeitrag entgegen, der soeben veröffentlicht wurde. Wir schlagen die Einführung einer Bundesprofessur vor. Diese soll erfolgreichen jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine unbefristete Möglichkeit zur selbstständigen Forschung und Lehre an einer Universität ihrer Wahl ermöglichen und langfristig aus Bundesmitteln finanziert werden.

Das Konzept der Bundesprofessur knüpft an bestehende Förderformate für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (bspw. Juniorprofessur und Emmy-Noether-Gruppe) an und führt sie nachhaltig weiter. Im Gegensatz zum heute vorgestellten Bund-Länder-Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses richtet sich die Bundesprofessur an bereits berufungsfähige Personen und soll dauerhaft vom Bund getragen werden.

Der Vorschlag zur Bundesprofessur entstand im Rahmen der interdisziplinären Arbeitsgruppe Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie. Die fünf Autorinnen und Autoren Jule Specht (Freie Universität Berlin), Ulrike Endesfelder und Tobias J. Erb (beide Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie), Christian Hof (Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum) und Wolfram Pernice (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) wurden dabei von 31 weiteren aktiven und ehemaligen Mitgliedern der Jungen Akademie unterstützt.

Die Studie ist frei verfügbar und kann unter folgendem Link gelesen werden:
Jule Specht, Ulrike Endesfelder, Tobias J. Erb, Christian Hof, Wolfram Pernice et al. (2016). Die Bundesprofessur: Eine personenbezogene, langfristige Förderung im deutschen Wissenschaftssystem. Berlin: Die Junge Akademie (ISBN 978-3-00-053002-9).

Die Pressemitteilung zur Studie gibt es hier.

Presseberichte:

  • ZEIT Online: Gastbeitrag mit dem Titel „Wir brauchen eine Bundesprofessur!“ (von Jule Specht, Ulrike Endesfelder, Tobias J. Erb, Christian Hof, Wolfram Pernice)
  • Deutschlandfunk: Gesprächsrunde in der Sendung Campus & Karriere mit Jule Specht, Eva-Maria Stange (Wissenschaftsministerin Sachsen), Ernst Schmachtenberg (Rektor der RWTH Aachen) und Regina Brinkmann (Moderation)
  • ZEIT CHANCEN Brief: Meldung mit dem Titel „Junge Akademie fordert Bundesprofessur“
  • Forschung und Lehre: Nachricht mit dem Titel „Junge Akademie schlägt Bundesprofessur vor“
  • Der Tagesspiegel: Artikel mit dem Titel „Karrierechancen junger Wissenschaftler: Unzufrieden mit dem Professoren-Programm“ von Amory Burchard
  • CEWS journal: Meldung mit dem Titel „Tenure-Track-Programm geht in die richtige Richtung – aber nicht weit genug“

Die Junge Akademie:
Die Junge Akademie wurde im Jahr 2000 als weltweit erste Akademie für herausragende junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ins Leben gerufen. Ihre Mitglieder stammen aus allen wissenschaftlichen Disziplinen sowie aus dem künstlerischen Bereich – sie loten Potenzial und Grenzen interdisziplinärer Arbeit in immer neuen Projekten aus, wollen Wissenschaft und Gesellschaft ins Gespräch miteinander und neue Impulse in die wissenschaftspolitische Diskussion bringen. Die Junge Akademie wird gemeinsam von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina getragen. Weitere Informationen zur Jungen Akademie gibt es hier: http://www.diejungeakademie.de

psychologie heute-blog.
über alterspanik.

28 Mrz

Foto von Amanda Tipton

Foto von Amanda Tipton

Seit über zwei Jahren bin ich ‚fast 30‘. In wenigen Wochen muss ich das ‚fast’ daraus streichen. Obwohl längst im Erwachsenenleben gelandet, stellt dieser Übergang vom jungen ins mittlere Erwachsenenalter eine emotionale Herausforderung dar. Ein Grund dafür: Der 30. Geburtstag ist ein ’temporal landmark‘, ein zeitlicher Orientierungspunkt, ab dem man angekommen ist und alles so bleibt wie es ist — ein Trugschluss, Segen oder bittere Wahrheit? [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

***

Mein 30. Geburtstag ist zum Greifen nahe. In wenigen Wochen wird der Tag kommen, dem ich seit über zwei Jahren ängstlich entgegen blicke. Genau genommen habe ich mich nie wie 28 oder 29 gefühlt, sondern immer nur wie „fast 30“. Ben, ein guter Freund, findet das überzogen und meint: „Du wirst sehen, 30 werden ist voll easy.“ Er sieht sich damit im wissenden Recht des Älteren, schließlich hat er im vergangenen Jahr sogar die 40 geschafft. Ein Einzelfall ist meine Alterspanik jedoch nicht, stattdessen geht es zahlreichen Twens ähnlich.

„Ich dachte, der 30. stellt ne Hürde dar, solange man es noch nicht ins Erwachsenenleben geschafft hat“, meint Jonathan, auch er ein befreundeter Überdreißiger. Dabei bin ich da längst: Ausbildung beendet, Traumberuf gefunden, Kinder bekommen. Mein soziales Alter hat die Hürde des 30. damit geschafft, das chronologische Alter hinkt also hinterher. Warum dann also dieses Unwohlsein? Ein Resultat des medial promoteten Jugendwahns?

Zumindest ist ein Geburtstag, noch dazu ein Runder, ein temporal landmark, ein zeitlicher Orientierungspunkt. Johanna Peetz und Anne Wilson fanden heraus, dass wir solche temporal landmarksnutzen, um Erinnerungen und Ziele zu strukturieren. Auch wenn sich durch die temporal landmark nichts Nennenswertes ändert – wir werden in der Nacht zum Geburtstag nicht plötzlich zu einem anderen Menschen – empfinden Menschen einen Gegensatz zwischen dem Selbst davor und dem Selbst danach. Peetz und Wilson argumentieren, dass das durchaus positiv sei, da es Menschen zu zielorientiertem Handeln motiviert.

Der 30. Geburtstag ist ein Sonderfall, zumindest aus der Perspektive der Entwicklungsaufgaben: Das junge Erwachsenenalter steht im Zeichen der Herstellung von sozialen Rollen (establishing). Es wird sich für Lebenswege entschieden: eine Familie gegründet, ein Beruf gewählt. Im mittleren Erwachsenenalter geht es dann vor allem um das Beibehalten dieser Rollen (maintaining). Und im hohen Alter steht das Anpassen an Verluste im Vordergrund (adjusting). Glücklicherweise ist das Leben heutzutage selten so gradlinig, und verschnörkelte Lebenswege sind weitgehend anerkannt. Dennoch ist der Übergang vom jungen ins mittlere Erwachsenenalter eine Zeit zum Bilanz ziehen.

Kein Problem, wenn die Bilanz positiv ausfällt. Dann übernimmt sorglos die End of History-Illusion: das Gefühl, man habe sich zwar bisher verändert, hätte mittlerweile aber seinen Endzustand erreicht. Bei mir ist es zu früh für Endzeitstimmung, ich möchte keinesfalls im Jetzt stehenbleiben. Noch mal studieren, zumindest ein Seminar zu Max Frisch belegen. Eine Sprache lernen, Französisch oder Schwedisch, vielleicht beides. Und endlich Klavier. Vielleicht irgendwann auch noch mal alles ganz anders machen. „Mach doch ein Seniorenstudium“, schlägt Simone allen Ernstes kürzlich vor, als wir beim Wein im Barkett zusammensitzen.

Im Gespräch mit der FAZ kommt der achtjährige Jan zu dem Schluss, man solle sich die Zukunft in der Fantasie denken, nicht so, wie sie jetzt ist. Recht hat er. Und man sollte es wie der kürzlich verstorbene Roger Willemsen halten, der meinte: Wenn wir das Leben schon nicht verlängern können, können wir es doch verdichten. Das werde ich tun: Mit dem Auspusten der Geburtstagskuchenkerzen ein noch verdichteteres Leben einläuten. Fantasie dafür ist da, also keine End of History-Illusion für mich. Ich bin bereit, die 30 kann kommen.

Zum Weiterlesen

Hutteman, R. Hennecke, M., Orth, U., Reitz, A. K., & Specht, J. (2014). Developmental tasks as a framework to study personality development in adulthood and old age. European Journal of Personality, 28, 267-278.

Mayer, S. (2016). Die Kunst, stilvoll älter zu werden: Erfahrungen aus der Vintage-Zone. Berlin: Berlin Verlag.

Peetz, J., & Wilson, A. E. (2013). The post-birthday world: Consequences of temporal landmarks for temporal self-appraisal and motivation. Journal of Personality and Social Psychology, 104, 249-266.

Quoidbach, J., Gilbert, D. T., & Wilson, T. D. (2013). The end of history illusion. Science, 339, 96-98.

***

Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

kampagnenstart brain city.
botschafterin für den wissenschaftsstandort berlin.

9 Mrz

BrainCityBerlin_Jule_Specht

Berlin gehört zu den größten und innovativsten Wissenschaftsstandorten in Europa. An 4 Universitäten, 7 Fachhochschulen, über 30 Privathochschulen und mehr als 70 außeruniversitären Einrichtungen wird hier eifrig und vielfältig geforscht. Die neue Kampagne Brain City möchte dieses einzigartige Potenzial in der öffentlichen Wahrnehmung stärker verankern und Talente aus Wissenschaft und Wirtschaft für Berlin begeistern. Sie wurde von Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie ins Leben gerufen, die mit dieser Aufgabe wiederum vom Berliner Senat beauftragt wurden.

Meine Begeisterung für die Stadt als eine von vorerst 9 Botschafterinnen und Botschaftern für den Wissenschaftsstandort Berlin zeigen zu können, freut mich natürlich sehr. Damit die Kampagne bald so bunt wird wie die Stadt selbst, können sich weitere begeisterte Berliner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch als Botschafterin und Botschafter engagieren. Weitere Informationen dazu gibt es hier.

Und übrigens: Heute ist Kampagnenstart und für zwei Wochen werden die ersten Kampagnen-Plakate den Platz der Berlinale-Plakate von George Clooney und Co in der Potsdamer Straße vor der Stabi einnehmen:

BrainCityBerlin_Jule_Specht_Kampagnenstart