psychologie heute-blog.
über den wunsch nach irritation.

25 Apr

„March

Bild von Bernd Wannenmacher – entstanden beim March for Science in Berlin

Ich liebe (scheinbare) Widersprüche: Einerseits für freie Wahlen zu sein und andererseits für Entscheidungen per Los. Für Feminismus und den Schutz des ungeborenen Lebens. Für Umweltschutz und für Spaß am Autofahren. „Die Welt ist kompliziert, gerade deshalb ist sie schön“, finden die InitiatiorInnen des March for Science Berlin. Und ich auch. Aber statt Komplexität und Widersprüche auszuhalten gibt es eine ‚Kultur der Irritationsvermeidung‘, meint Peter Strohschneider. Hoffentlich ändert sich das bald, schließlich sind mit den sozialen Medien die Gegenargumente heutzutage mit einem Klick erreichbar. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Kürzlich traf ich mich mit einer Bundestagsabgeordneten. Noch ganz beseelt vom inspirierenden Gespräch über Politik und die Welt, las ich auf dem Rückweg das Buch Gegen Wahlen des niederländischen Autors David van Reybrouck in dem – im starken Kontrast zum vorherigen Gespräch – Abstimmungen für undemokratisch erklärt werden. Auch davon fühlte ich mich inspiriert. Ich liebe diese scheinbaren Widersprüche: Einerseits schlägt mein Demokratinnen-Herz höher, wenn sich, wie bei der letzten Landtagswahl in Berlin, wegen großen Andrangs lange Schlangen vor den Wahlkabinen bilden. Andererseits überzeugen mich die Vorteile einer deliberativen Demokratie, in der geloste statt gewählte Bürgerinnen und Bürger entscheiden.

Unter dem Label Diversity wird momentan laut für die vielfältige Zusammensetzung von Entscheidungsgremien gekämpft, zum Glück immer erfolgreicher. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass es eine sinkende Diversität innerhalb von Personen gibt. Aber ich möchte für Feminismus sein können und gleichzeitig für den Schutz des ungeborenen Lebens. Ich möchte für Umweltschutz sein und gleichzeitig anerkennen können, dass Autofahren Spaß macht. Ich möchte Angela Merkel weiterhin übelnehmen können, dass sie sich 2003 für den Irakkrieg ausgesprochen hat und gleichzeitig ihr „Wir schaffen das!“ wertschätzen.

„Die Welt ist kompliziert, gerade deshalb ist sie schön“, steht im Leitbild des March for Science Berlin, der am Samstag nicht nur dort, sondern in zahlreichen Städten weltweit viele Menschen auf die Straße zog. Stimmt, aber diese Komplexität mit ihren Widersprüchen auszuhalten ist nicht selbstverständlich. Peter Strohschneider, Präsident einer wichtigen Forschungsförderungsorganisation, spricht in diesem Zusammenhang von einer „Kultur der Irritationsvermeidung“: Als Reaktion auf eine komplexe Welt verfallen immer mehr Menschen dem Populismus, der mit einfachen Antworten von Komplexität und Irritationen entlastet.

Den sozialen Medien wird bei der Irritationsvermeidung eine zentrale Rolle zugesprochen. Statt morgens eine Tageszeitung zu überfliegen, um diverse Perspektiven auf das Weltgeschehen abzugreifen, verlören wir uns in den Echokammern von Twitter, Facebook und Co. Aber natürlich sind auch viele Print-Medien auf eine bestimmte Leserschaft ausgerichtet, bieten also nicht notwendigerweise diverse Perspektiven. Dem kann man gezielt entgegenwirken und beispielsweise bei linker politischer Überzeugung die F.A.Z. abonnieren und bei konservativer Einstellung die taz, um sich so auch mit den Argumenten der Gegenseite auseinanderzusetzen.

Via sozialer Medien sind die Argumente von Personen mit anderen politischen Einstellungen und Überzeugungen dagegen nur einen Klick entfernt. Tatsächlich zeigten Bakshy und Kollegen, dass es nicht auf Filterblasen zurückzuführen ist, dass Menschen bei Facebook vor allem auf Meldungen Gleichgesinnter treffen, sondern auf die Wahl ihres sozialen Netzwerks. Es ist also nicht der Algorithmus einer Onlineplattform, der uns immer wieder mit einseitigen Postings in unseren Einstellungen bestärkt. Vielmehr ist es unser soziales Netzwerk, das uns online und offline prägt. Insofern können Online-Medien den Zugang zu diverseren Meinungen sogar erleichtern.

Das Bedürfnis, Irritationen zu vermeiden, wird in der Psychologie mit „Intoleranz gegenüber Ambiguität“ beschrieben. Personen mit einer solchen Intoleranz empfinden mehrdeutige, unklare Situationen als bedrohlich. Sie neigen dazu, wenig offen für unterschiedliche Perspektiven zu sein und im Zweifel am Status quo festzuhalten. Die Suche nach schnellen, klaren Antworten stärkt jedoch alte Stereotype statt informierte Abwägungen. Da (fast) alles ein für und wider hat, sollten wir uns irritieren lassen, von der Papier-Zeitung, den Andersdenkenden und – nur einen Klick entfernt – in den sozialen Medien. Denn Widersprüche sind real und sie sind wertvoll.

Zum Weiterlesen

Eytan Bakshy, Solomon Messing, & Lada A. Adamic (2015). Exposure to ideologically diverse news and opinion on Facebook. Science, 348, 1130-1132.

John T. Jost, Jack Glaser, Arie W. Kruglanski & Frank J. Sulloway (2003). Political conservatism as motivated social cognition. Psychological Bulletin, 129, 339-375.

David Van Reybrouck (2016). Gegen Wahlen: Warum Abstimmen nicht demokratisch ist. Göttingen: Wallstein Verlag.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin eine von derzeit vier KolumnistInnen – und ich bin eine davon – über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

druckfrisch!
neues buch zur persönlichkeitsentwicklung.

23 Apr

Specht_Personality across the lifespan

Da ist es! Frisch gedruckt hat die Post mir diese Woche mein neues Buch zur Persönlichkeitsentwicklung über die Lebensspanne überreicht. Wobei ‚mein‘ hier nicht passt: Insgesamt 59 Personen, alle ExpertInnen bei der Erforschung von Persönlichkeitsentwicklung, haben daran mitgewirkt und gemeinsam haben wir auf 588 Seiten insgesamt 33 Kapitel gefüllt. Gab’s vorher noch nicht, einen so umfassenden Überblick zu meinem Lieblingsforschungsgebiet und deshalb freue ich mich ganz besonders. Auch darüber, dass man die Forschungsergebnisse, die in meinem Fall so selten ‚greifbar‘ im ursprünglichen Sinne sind, sich in Form eines gedruckten Buchs dann aber ausnahmsweise doch mal anfassen lassen. Fühlt sich gut an!

loving_diversity

Auch schön: Die Beteiligten sind so bunt wie das Forschungsfeld – 29 Frauen und 30 Männer, davon momentan tätig an Forschungsinstitutionen in den USA (21), Deutschland (18), den Niederlanden (5), der Schweiz (5), Belgien (4), Kanada (3) und Großbritannien (3). Der Verlag bewirbt das eben erschienene Buch schon mit ‚1st Edition‘, als wäre eine überarbeitete Auflage bereits geplant. Wenn diese kommen sollte, dann wären weitere Beteiligte, die außerhalb Nordamerikas und Europas tätig sind, eine willkommene Ergänzung. Bis dahin erwarten Interessierte aber viele gemütliche Lesestunden!

Einen Überblick über die Kapitelthemen und AutorInnen gibt es hier: PDF
Und bestellen lässt sich das Buch hier: Buch kaufen

back home!
eine rückkehr in eine alte heimat.

1 Mrz

Humboldt-Universität zu Berlin

Ein Gefühl von Heimat stellt sich bei WissenschaftlerInnen aus Wissenschaftler-Familien ja eher selten ein, denn bevor man sich an den neuen Wohnort gewöhnt hat, ruft schon wieder die neue Herausforderung (beziehungsweise der befristete Job drängt zum Weiterziehen). Insofern grenzt es an ein Wunder, dass ich (a) Berlin nun als eine Heimat empfinde und (b) zurückgekommen bin um zu bleiben, vielleicht für immer, wer weiß.

Und so schließt sich der Kreis: Vor etwa 30 Jahren im Osten des geteilten Berlins geboren, aber aufgewachsen und gelebt in Göttingen, Magdeburg, Austin/Texas, Münster und Leipzig, bin ich 2012 wieder zurück in meine Geburtsstadt gekommen. Nach einem kurzen Abstecher ins wunderschöne Lübeck (das ich vermissen werde!), bin ich nun zurück in meiner Lieblingsstadt Berlin: Nach 7 Jahren als Wissenschaftlerin, an der 5. Uni, auf der 3. Professur mit dem 1. unbefristeten Vertrag. Juhu!

Vielen Dank für diese großartige Chance und das damit einhergehende glückliche Gefühl an alle Beteiligten, die es ermöglicht haben, dass ich von nun an als Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin lehren und forschen darf!

psychologie heute-blog.
über einen neuen namen.

27 Feb

Bild von Thang Le

Bild von Thang Le

Ich habe meinen Namen ändern lassen. Nun heiße ich auch offiziell Jule Specht. Nicht nur wie bisher für Freunde, Kolleginnen und die Öffentlichkeit, sondern so steht es jetzt auch im Pass. Damit passt nun mein Identitätsgefühl zu meiner offiziellen Identität. Und eine unkonventionelle anti-aging-Maßnahme ist das außerdem, denn mein verkürzter Vorname ist deutlich jünger als ich. Insofern kann ich Baptiste Coulmont nur zustimmen, wenn er schreibt: „Name changes are good examples of identity changes.“ [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Ich habe meinen Namen ändern lassen. Nun heiße ich auch offiziell Jule Specht. Nicht nur wie bisher für Freunde, Kolleginnen und die Öffentlichkeit, sondern so steht es jetzt auch im Pass. Vorher habe ich etwa zwei Jahre lang abgewogen. Bis ich dann im Dezember mit einem Lieblingsfreund auf Gran Canaria war, wir aufs Meer schauend die Argumente wälzten und er schließlich feststellte, dass er wohl vor einer Namensänderung zurückschrecken würde, es aber zu mir passt, das durchzuziehen, was ich für richtig halte. Stimmt. Und so wurde ein Neujahrsvorsatz noch vor dem Frühlingsanfang in die Tat umgesetzt.

Einfach ist das nicht, denn das Recht auf Vornamensgebung liegt bei den Eltern. Zum Glück kann ein mehrseitiges Begründungsschreiben den zuständigen Mitarbeiter beim Standesamt überzeugen. Dennoch bleibt ein ungutes Gefühl bei einer so persönlichen, identitätsstiftenden Angelegenheit wie dem eigenen Namen vom Wohlwollen anderer abhängig zu sein. Konflikte zwischen dem eigenen Identitätsgefühl und der offiziellen Identität riskieren nämlich eine identity confusion. Diese wiederum kann nach Theo Klimstra und Lotte van Doeselaar eine ernste psychische Belastung werden.

Als die Mitarbeiterin im Bürgerbüro mir einen neuen Pass bestellt, fügt sie hinzu, sie hätte bei der Gelegenheit gleich den Nachnamen mit geändert, der sei ja mittlerweile auch irgendwie obsolet. Stimmt einerseits: Schließlich ist es der Nachname einer großen, aber vergangenen Liebe. Aber deshalb nach über zehn Jahren wieder den Mädchennamen annehmen? Was macht das mit einer weiblichen Identität, wenn man vom Nachnamen des Vaters zum Nachnamen des Ehemannes wechselt und sich von beiden emanzipiert? Deshalb andererseits: Der Name gehört zu mir, keine Identitätskonfusion in Sicht, der bleibt.

Wobei, am liebsten wäre es mir ja, es gäbe – wie im öffentlichen Nahverkehr – eine Art Vierfahrten-Karte für die Namensänderung. Man könnte neue Identitäten ausprobieren statt in alten sozialen Rollen festzuhängen und, sollten sich diese bewähren, diese mit einer Namensänderung besiegeln. In einem schönen Artikel im Süddeutsche Zeitung Magazin gibt der Psychologe Dieter Frey allerdings zu bedenken: „Wenn ich die Chance habe, nur ich sein zu dürfen – wäre das ein Dauerzustand, oder hole ich nur bestimmte Defizite nach, die im Alltag zu kurz kommen?“

Eine vorübergehende Identität um Defizite auszugleichen? Gern, ich sprühe nur so vor Defiziten, die ich gern mal überwinden würde. Und so sitze ich mit Max, einem Freund, in einer Kreuzberger Bar und designe neue Identitäten. Später traue ich mich dann aber doch nicht diese auszuprobieren. Für die Vornamensverkürzung reicht der Mut jedoch noch. Und obwohl mir dieses Bedürfnis individuell vorkommt, ist es das nicht. Laut Baptiste Coulmont gibt es vor allem drei Gründe dafür: (1) Anpassung an eine neue Kultur, (2) Anpassung an eine neue geschlechtliche Identität und (3) Verjüngung.

Tatsächlich wurde mein neuer Name erst 10 Jahre nach meiner Geburt populär. Kein Einzelfall, wie Coulmont zeigt: Die neuen Namen sind im Mittel etwa 25 Jahre jünger als die ursprünglichen Namen. Eine Art anti-aging-Maßnahme für die Identität, könnte man sagen. Das ist natürlich nur ein kleiner Aspekt des Namensänderungsbedürfnisses, aber ein interessanter, da ich mir doch oft zu alt für mein Alter vorkomme. Nun aber nicht mehr, schließlich hat kürzlich auch ein Lieblingskollege eine Tochter mit dem Namen ‚Jule’ bekommen. Ich bin namenstechnisch ganz offensichtlich im Jetzt angekommen.

Zum Weiterlesen

Baptiste Coulmont (2014). Changing one’s first name in France: A fountain of youth?. Names, 62, 137-146.

Theo A. Klimstra und Lotte van Doeselaar (im Druck). Identity formation in adolescence and young adulthood. In J. Specht (Editorin), Personality development across the lifespan. San Diego: Elsevier.

Susanne Schneider (2017). Wer ich wäre. Süddeutsche Zeitung Magazin, 4.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin eine von derzeit vier KolumnistInnen – und ich bin eine davon – über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

chancen und risiken von tenure track.
interview mit forschung & lehre.

31 Jan

Logo Forschung & Lehre

Mit dem Nachwuchspakt werden 1.000 neue Tenure-Track-Professuren gefördert. Das Ziel ist, die wissenschaftliche Karriere damit planbarer und transparenter zu machen um dem wissenschaftlichen Nachwuchs faire Chancen auf eine unbefristete Professur zu ermöglichen und im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe zu bestehen. Über die Chancen und Risiken des Nachwuchspakts habe ich kürzlich mit der Forschung & Lehre gesprochen. Das Interview kann hier und auf den Seiten von Forschung & Lehre gelesen werden.

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Forschung & Lehre: Welche Chancen und welche Risiken birgt das Tenure-Track-Modell als Form der Stellenbesetzung?

Jule Specht: Das Modell ist vor allem eine große Chance: Es kann jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ermöglichen, schon früher als bisher selbstständig zu forschen und zu lehren. Es kann eine faire Auswahl mit transparenten Verstetigungskriterien verbinden. Und es kann schon früh eine Perspektive für einen dauerhaften Verbleib in der Wissenschaft aufzeigen. Insofern ist eine Tenure-Track-Professur in vielerlei Hinsicht attraktiver als der klassische Weg zur Lebenszeitprofessur, nämlich eine Mittelbaustelle mit Weisungsgebundenheit und ohne Chance auf Verstetigung.

Aber es gibt auch Risiken: Wenn Tenure-Track-Professuren unbefristete Professuren ersetzen zum Beispiel. Denn natürlich bietet eine unbefristete Professur mehr Freiheit und Sicherheit für die Stelleninhaberin als eine vorerst befristete Professur. Deshalb sollte die Schaffung zusätzlicher unbefristeter Professuren gegenüber zusätzlichen Tenure-Track-Professuren Vorrang haben.

Forschung & Lehre: Welche Voraussetzungen müssen vorliegen, damit das Tenure-Track-System Erfolg haben kann?

Jule Specht: Ein erfolgreiches TenureTrack-System richtet sich an akademisch junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die idealerweise wenige Jahre zuvor promoviert wurden. Die Berufung bereits etablierter Wissenschaftler auf Tenure-Track-Stellen verlängert dagegen lediglich die Befristungszeiten und konterkariert das Ziel, frühzeitig Perspektiven aufzuzeigen. Das ist insofern eine Gratwanderung, als es momentan eine große Zahl exzellenter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gibt, die zwar berufbar, aber noch nicht berufen sind. Um eine „lost generation“ zu verhindern, müssen auch für diese Personen bessere Perspektiven geschaffen werden, beispielsweise mithilfe der aus Reihen der Jungen Akademie vorgeschlagenen Bundesprofessur.

Zentral ist auch, dass eine Tenure-Track-Professur den unbefristeten Professuren gleichgestellt sein muss. Das heißt, sie muss eine echte langfristige Perspektive bieten, indem sie von vornherein und dauerhaft an laufenden Mitteln partizipieren kann und gleichberechtigt in Rechten und Pflichten in die Struktur der Universität eingegliedert ist, bspw. in der Lehre und bei der Wahl für Leitungspositionen im Dekanat.

Und schließlich kann ein solches System nur dann erfolgreich sein, wenn es – wie im Nachwuchspakt vorgesehen – zu zusätzlichen unbefristeten Professuren führt. Denn wir brauchen mehr Professuren, um allen Anforderungen, die an die Universitäten gestellt werden, gerecht zu werden. Gleichzeitig haben wir derzeit ein großes Angebot bestens qualifizierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sodass 1.000 zusätzliche Tenure-Track-Professuren nur der Anfang sein können.

Forschung & Lehre: Wie müsste das Auswahlverfahren für Tenure-Track-Professuren aussehen?

Jule Specht: Das Ziel muss sein, die besten akademisch jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu gewinnen. Dafür wird ein offenes Verfahren mit einer breiten, im Allgemeinen internationalen, Stellenausschreibung und externen Gutachten benötigt, mit dem auf Basis fairer Kriterien auswählt wird. Noch immer haben wir in Deutschland zu wenige Frauen, Personen mit nicht-deutscher Herkunft und aus bildungsfernen Elternhäusern in der Professorenschaft. Faire und für diese Defizite sensibilisierte Berufungsverfahren können dabei helfen, bisher unterrepräsentierte Personengruppen adäquat zu berücksichtigen.

Gleiches gilt für die Kriterien, die für eine Entfristung der Tenure-Track-Professur herangezogen werden. Momentan haben wir auch dort einen Mangel an fairen und transparenten Kriterien. Die klassischen Maße wie die Anzahl an Publikationen, Zitationen und eingeworbenen Drittmitteln benachteiligen insbesondere unterrepräsentierte Personengruppen. Wir haben Nachholbedarf in der Formulierung von Kriterien, die ein diverses Verständnis von wissenschaftlichem Erfolg widerspiegeln, die zum Beispiel auch die Lehre und die externe Wissenschaftskommunikation adäquat berücksichtigen.

Und nicht zuletzt muss die wichtige Frage beantwortet werden, an welcher Stelle vorrangig selektiert werden soll: Bei der Auswahl der Tenure-Track-Professorinnen und -Professoren oder bei der Verstetigung. Echte Perspektiven bieten sich nur, wenn die Selektion vor allem zu Beginn des Tenure Tracks angesetzt wird.

Forschung & Lehre: Können Sie die Sorge entkräften, dass Tenure Track die Fakultäten unflexibel macht?

Jule Specht: Tenure-Track-Professuren machen Fakultäten ebenso wenig unflexibel wie die bisherigen unbefristeten Professuren. Sie sind eine Chance für eine wachsende Professorenschaft, flache Hierarchien mit Kooperationen auf Augenhöhe und die Verteilung professoraler Aufgaben wie Prüfungen, Betreuung von Studierenden und Doktoranden und Selbstverwaltung auf mehr Schultern. Darauf zielt auch der Vorschlag aus Reihen der Jungen Akademie ab, der eine Reform hin zu einer Departmentstruktur vorsieht. 2013 hat die Junge Akademie dazu das Positionspapier „Personalstruktur als Schlüssel zu leistungsfähigeren Universitäten“ herausgegeben.

Forschung & Lehre: Der Jungen Akademie ist die Vielfalt der Karrierewege für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wichtig. Welchen Anteil sollte das Tenure-Track-Modell dabei haben?

Jule Specht: Tenure-Track-Professuren können eine wichtige Ergänzung für die Vielfalt an Karrierewegen darstellen: Ein etabliertes Tenure-Track-System könnte zum Beispiel bestehende Formate wie befristete Akademische Ratsstellen, „Eigene Stellen“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Emmy-Noe­ther-Nachwuchsgruppen oder ERC-Starting Grants dazu anregen, ihrerseits langfristige Perspektiven in ihre Förderung zu implementieren, um für die besten Bewerberinnen und Bewerber attraktiv zu bleiben.

Auch ist denkbar, Tenure-Track-Modelle mit anderen Förderformaten zu kombinieren, bspw. eine Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe mit einer Tenure-Track-Professur. Damit könnte der Vorteil des einen Formats – eine eigene Arbeitsgruppe – mit dem Vorteil des anderen Formats – eine langfristige Perspektive – verknüpft werden.

Natürlich sind 1.000 Tenure-Track-Professuren längst nicht genug. Der Wissenschaftsrat empfahl im Jahr 2014 immerhin 7.500 zusätzliche Professuren, und seitdem ist die Zahl der Studierenden und des hochqualifizierten Mittelbaus weiter gestiegen. Die 6.500 ausstehenden Professuren könnten sich speziell der Förderung von Chancengerechtigkeit von Frauen und Männern in der Wissenschaft widmen oder Bundesprofessuren sein, die sich an etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler richten.

Forschung & Lehre: Hätte der Bund die Mittel für das Tenure-Track-Programm besser in die Einführung der Bundesprofessuren stecken sollen, die die Junge Akademie kürzlich gefordert hat?

Jule Specht: Die Bundesprofessur sollte nicht in Konkurrenz zur Tenure-Track-Professur stehen, denn sie ist eine sinnvolle Ergänzung. Im Unterschied zur Tenure-Track-Professur richtet sich die Bundesprofessur an bereits berufbare Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die keiner weiteren Befristung bedürfen. Sie kann damit eine hervorragende Chance für diejenigen sein, die bereits akademisch zu alt für eine Tenure-Track-Professur sind und Gefahr laufen, zu einer „lost generation“ zu gehören, weil sie sich in einer Zeit qualifizierten, als der Mittelbau stetig wuchs, die Professorenschaft aber nicht.

Darüber hinaus hebt sich die von uns vorgeschlagene Bundesprofessur, zu der wir 2016 einen Debattenbeitrag veröffentlicht haben, durch ein besonders hohes Maß an Flexibilität von allen bisherigen Förderformaten ab: Denn während normalerweise die Wissenschaftlerin oder der Wissenschaftler der Professur hinterher­zieht, erlaubt die Bundesprofessur die freie Wahl der Universität sowie den lebenslangen Wechsel der Universität unter Mitnahme der Bundesprofessur.

Unser Vorschlag sieht 1.000 zusätzliche Bundesprofessuren vor. Zusammen mit den 1.000 zusätzlichen Nachwuchspakt-Professuren fehlen uns noch 5.500 Professuren bis zur vom Wissenschaftsrat empfohlenen Menge zusätzlicher Professuren. Es ist also noch Platz für weitere Professuren und für weitere ­Ideen!

Forschung & Lehre: Welches sind die wichtigsten Pfeiler für eine Verbesserung der Karriere­perspektiven auf dem Weg zur Lebenszeitprofessur?

Jule Specht: Zum einen sind das langfristige Perspektiven in einem früheren Stadium der wissenschaftlichen Karriere, das heißt wenige Jahre nach der Promotion. Auch wichtig ist eine faire Auswahl der besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für Professuren. Ein Beispiel: Gehen wir davon aus, dass Männer und Frauen gleichermaßen für Professuren geeignet sind, dann legt der Anteil von nur 18 Prozent Frauen unter der W3-Professorenschaft nahe, dass wir einen maßgeblichen Anteil der besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bisher nicht für Professuren gewinnen konnten. Und schließlich ist Freiheit in Forschung und Lehre ein maßgeblicher Aspekt der Arbeit in der Wissenschaft und bisher vor allem Professorinnen und Professoren vorbehalten, für den wissenschaftlichen Nachwuchs aber ebenso wichtig.

Die Fragen stellte Ina Lohaus.

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Die Zeitschrift Forschung & Lehre wird vom Deutsche Hochschulverband herausgegeben, der die Interessen der HochschullehrerInnen und des wissenschaftlichen Nachwuchses vertritt. Sie ist nach eigenen Angaben die auflagenstärkste hochschul- und wissenschaftspolitische Zeitschrift Deutschlands und erscheint monatlich, jeweils mit einem Schwerpunktthema, das aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert wird. Im Februar ist dieses Thema Tenure Track.

perspektiven der psychologie.
gespräch mit dem wissenschaftsrat.

26 Jan

Bild von Daniel Neville

Bild von Daniel Neville

In der Psychologie rumort es: Es kündigt sich ein Psychotherapie-Direktstudium an, das die Befürchtung hochkochen lässt, dass die Grundlagenforschung zugunsten der Anwendung marginalisiert wird. Man kämpft mit der Replikationskrise, die zeigt, dass ein substantieller Anteil der wissenschaftlichen Studien unseres Faches so stark verzerrt ist, dass man ihnen nicht vertrauen kann. Und dann ist da noch der wissenschaftliche Nachwuchs, der trotz hervorragender Qualifikation vergeblich auf die unbefristete Professur wartet.

Genug Gründe also, dass sich der Wissenschaftsrat mit der Zukunft der Psychologie beschäftigt um aufzuzeigen, wie sich die Einheit des Faches erhalten lässt. In diesem Zusammenhang wurde ich kürzlich nach Bonn zum Gespräch eingeladen. Die Beteiligten und Inhalte des Gesprächs sind vertraulich, meine eigene Position dazu aber nicht.

Studium

Ursprünglich war das Bachelorstudium für eine breite Berufsvorbereitung und das Masterstudium für eine Forschungsvertiefung gedacht. In der Psychologie stößt das auf Probleme, da die angewandten Fächer (die dementsprechend besonders für das Bachelorstudium relevant sein sollten) auf den Grundlagenfächern (die besonders für das Masterstudium relevant sein sollten) aufbauen. So ist der Anteil der angewandten Fächer im Studium gestiegen, da diese sowohl im Bachelorstudium als auch – wie klassischerweise im Diplomstudiengang – im späteren Verlauf, also im Masterstudium, Eingang in den Studienplan finden. Dies ging zulasten von Grundlagen- und Methodenfächern.

Dabei ist ein breit aufgestelltes Studienangebot in der Psychologie zentral: Zukünftige Studierende wissen meist noch nicht wo sie ihren fachlichen Schwerpunkt setzen wollen und sollten sich deshalb nicht bereits vor dem Studienbeginn zu eng festlegen müssen.

Und nicht nur in der Psychologie gilt: Lehre ist insbesondere dann aktuell, wenn diese von aktiv Forschenden geleistet wird. Hochschultypen, die besonders viel Lehre vonseiten der ProfessorInnen erwarten, gehen das Risiko ein, dass zum einen zu wenig Zeit für die Forschung bleibt und zum anderen Lehre in Bereichen gemacht wird in der keine Forschungsexpertise besteht.

Forschung

Die Psychologie ist momentan damit beschäftigt die Replikationskrise zu bewältigen, wodurch zahlreiche Bewegungen angestoßen und verstärkt wurden, beispielsweise die Preregistration von Studienvorhaben und Open Science (siehe bspw. Center of Open Science und Commitment to Research Transparency). Im Zusammenhang damit steht auch die Beobachtung, dass viele Forschungsprojekte an kleinen, verzerrten Stichproben (bspw. jungen Psychologie-Studentinnen) durchgeführt werden. Kollaborationen in der Datenerhebung über psychologische Subdisziplinen hinweg würde die themenübergreifende Zusammenarbeit fördern, die Probandenakquise erleichtern und zeitliche sowie finanzielle Ressourcen sparen. Dies sollte bei der Forschungsförderung berücksichtigt werden.

Kritisch diskutiert wird darüber hinaus, dass der Anteil anwendungsnaher Forschung gegenüber der Grundlagenforschung steigt. Dies spiegelt sich beispielsweise in den Forschungsförderungen durch die EU oder das BMBF wider. Als Konsequenz der  sinkenden Absicherung durch die prekäre Grundfinanzierung an Universitäten und der starken Abhängigkeit von Drittmittelförderungen werden viele Forschungsvorhaben dazu gezwungen besonders anwendungsnah zu sein (bzw. so zu wirken).

Wissenschaftlicher Nachwuchs

Wie auch in anderen Fächern ist die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses von mangelnden beruflichen Perspektiven geprägt. Etwa 5-6 Nachwuchsgruppenleitungen, Juniorprofessuren und frisch Habilitierte stehen einer ausgeschriebenen Professur gegenüber, sodass viele hochqualifizierte NachwuchswissenschaftlerInnen, die bereits erfolgreich bewiesen haben, dass sie selbstständig forschen und lehren können, nicht langfristig in der Wissenschaft bleiben können.

Die Situation ist innerhalb der Psychologie insofern verschärft als dass es außerhalb der Hochschulen und außeruniversitären Forschungsinstitute wenig Möglichkeit zur wissenschaftlichen Arbeit gibt (bspw. in Forschungsabteilungen von Unternehmen), sodass forschungsinteressierte junge Menschen wenig Alternativen zu einer akademischen Laufbahn haben. Gleichzeitig wird die Situation innerhalb der Psychologie momentan noch dadurch abgefedert, dass die Anzahl an Hochschulen (zum Teil in privater Hand) steigt und viele hochqualifizierte junge WissenschaftlerInnen Professuren an diesen Hochschulen antreten und dem Wissenschaftsstandort Deutschland somit nicht verloren gehen.

Eine Lösung für bessere berufliche Perspektiven ist, die Anzahl der Professuren zu erhöhen. Damit würde jungen WissenschaftlerInnen eine höhere Chance auf eine Professur geboten werden, es würde sich das Betreuungsverhältnis zwischen ProfessorInnen und Studierendenschaft verbessern, Aufgaben in Lehre und akademischer Selbstverwaltung würden sich auf mehr Schultern verteilen, Geld würde statt in weitere zeitlich befristete Projekte in langfristige Forscherkarrieren investiert werden und die Hierarchie zwischen wenigen Professuren und einem großen Mittelbau würde zugunsten von unabhängig, kooperativ arbeitenden ProfessorInnen verringert (derzeit sind nur ca. 12-15% des wissenschaftlichen Personals ProfessorInnen, deutlich weniger als in anderen Ländern).

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Der Wissenschaftsrat ist ein wichtiges Beratungsgremium in der Wissenschaftspolitik. Er beschäftigt sich mit inhaltlichen und strukturellen Fragen der Wissenschaft und der Hochschulen und veröffentlicht Empfehlungen an wissenschaftspolitische Akteure. Seit dem Sommer 2016 hat eine Arbeitsgruppe mit dem Titel Perspektiven der Psychologie unter dem Vorsitz des Bildungsforschers Manfred Prenzel ihre Arbeit aufgenommen.

psychologie heute-blog.
über einen verschwundenen.

2 Jan

Bild von Tiger Pixel

Bild von Tiger Pixel

Mein alter Schulkamerad V. ist seit fünf Jahren unauffindbar. Kann ich mir kaum vorstellen, in dieser digital age. So analog kann man doch gar nicht sein, dass man einfach so verschwindet, denke ich. Oder? Gibt es die noch, die letzte analoge Bastion? Wo ist das und wer scheut die digitale Bühne in social media? Und vor allem: Wo ist V.? [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Ich stehe an einem einsamen Bahngleis im schleswig-holsteinischen Nowhereland und warte auf meinen Zug nach Berlin. Der einzige Mitwartende ist ein junger Mann mit Fahrrad, der mir etwas zu tief in die Augen schaut, als dass ich das so einfach ignorieren kann. Und tatsächlich, ich erinnere mich, es ist Robert, ein alter Schulkamerad, mit dem ich vor elf Jahren mein Abitur machte. So ein Zufall! Während der anschließenden Zugfahrt reden wir über die gemeinsame Zeit und die Jahre danach und kommen auf unseren Schulkameraden V. zu sprechen, der, so stellt sich heraus, seit fünf Jahren unauffindbar ist.

Kann ich mir kaum vorstellen, in dieser digital age. So analog kann man gar nicht sein, dass man einfach so verschwindet, denke ich. Google, Facebook, Twitter und Co helfen nicht weiter, wäre ja auch zu einfach gewesen. Fast vergessene Schulfreunde tauchen dort auf, doch bei allen verläuft sich V.’s Spur im Oktober 2011. Alte Telefonnummern und Mailadressen führen ins Leere, auch die Telefonauskunft weiß nicht weiter. Eine Freundin fährt bei seiner alten Adresse vorbei, aber seine Familie ist vor Jahren aus der Stadt gezogen.

Mit Florian, einem Freund, sitze ich in Lübecks alter Mühle und frage nach Rat: Kann man in heutiger Zeit wirklich verschwinden, in eine analoge Welt abtauchen? Oder ist V. unauffindbar, weil es ihn nicht mehr gibt, weder digital noch analog? Die Sorge wächst, ich fange an, Todesanzeigen zu screenen. Florian erzählt von einem ehemaligen Kommilitonen, ein schillernder Typ mit Cabrio, der plötzlich nicht mehr im Seminar saß, dafür im Gefängnis, wegen Drogenhandels. Auch er ein Verschwundener, denn im Gefängnis gibt es kein social media, vielleicht eine letzte analoge Bastion?

Nun will ich V. wirklich finden, schon um mein ungutes Gefühl zu beruhigen. Ich frage meinen alten Tango-Tanzpartner, der bei der Bundespolizei arbeitet. Ist V. im Gefängnis oder gewaltsam gestorben, dann müsste er davon wissen. Er weiß von nichts. Eine Andeutung, die Hoffnung macht. Ein befreundeter Journalist empfiehlt in klassischer Recherche-Manier das Bürgeramt. Melderegisteranfragen gehen dort nur per Post oder Fax (hello digital age!), manchmal reicht viel Charme. Es dauert trotzdem ewig, denn für jeden neuen Wohnort ist ein anderes Bürgeramt zuständig.

Irgendwann lande ich in der sächsischen Pampa. Eine vergnügte Sachbearbeiterin teilt mir per Mail mit, sie dürfe nichts sagen, das ginge nur per Post, sie sei aber guten Mutes. Und sie gratuliert herzlich zum neuen Job und den beiden (nicht so neuen) Kindern, sie lese jetzt nämlich meinen Blog. Was für ein Kontrast zwischen mir, der Suchenden, die regelmäßig fast schamfrei über Persönliches schreibt und V., seit fünf Jahren unauffindbar. Doch dann kommt der Brief: V. lebt, in einem kleinen Ort bei Chemnitz, wie sich herausstellen wird, gesund und munter.

Eine große Erleichterung! Es gibt sie also noch, die nur scheinbar Verschwundenen, die Analogen. Ich lese bei Tracii Ryan und Sophia Xenos, es seien vor allem die Gewissenhaften und Schüchternen, die auf die digitale Bühne in social media verzichten. Aber David Hughes und Kollegen relativieren, diese Persönlichkeitsunterschiede werden kleiner, weil hierzulande mittlerweile quasi alle online seien. Zumindest bleiben die Analogen verschont von social bots und psychological targeting, vielleicht sind sie die Einzigen, die noch unmanipuliert durchs Leben gehen. Aber unauffindbar, das sind sie nicht, wenn man sie sucht.

Zum Weiterlesen

Wolfie Christl und Sarah Spiekermann (2016). Networks of control: A Report on Corporate Surveillance, Digital Tracking, Big Data & Privacy. Wien: facultas.

David J. Hughes, Moss Rowe, Mark Batey und Andrew Lee (2012). A tale of two sites: Twitter vs. Facebook and the personality predictors of social media usage. Computers in Human Behavior, Vol. 28, S. 561-569.

Tracii Ryan und Sophia Xenos (2011). Who uses Facebook? An investigation into the relationship between the Big Five, shyness, narcissism, loneliness, and Facebook usage. Computers in Human Behavior, Vol. 27, S. 1658–1664.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin eine von derzeit vier KolumnistInnen – und ich bin eine davon – über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

how emotions shape experience.
conversation with einstein visiting fellow jesse prinz.

9 Nov

quote_einstein

Quote taken from a corporate brochure of Einstein Foundation Berlin

Meeting Einstein is an event series of Einstein Foundation Berlin that brings together scientists and the public at extraordinary locations in Berlin. At the next event, on Thursday, November 17th 2016, Jesse Prinz talks about ‚The good, the bad and the ugly: How emotions shape experience‘ in the historic premises of the Wedding Crematorium in Berlin. Jesse Prinz is a Distinguished Professor of Philosophy at the City University of New York and Einstein Visiting Fellow at the Berlin School of Mind and Brain. Starting at 7 pm, he will first give a keynote and then have a conversation with me about how emotions contribute to moral judgments and how they form aesthetic perception.

Everyone is welcome to join!

For more information, see http://www.einsteinfoundation.de/index.php?id=981

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Logo_Einstein_Stiftung

The Einstein Foundation Berlin was founded in 2009 by the State of Berlin. The Foundation aims to promote science and research of top international calibre in Berlin and to establish the city as a centre of scientific excellence. In addition to its endowment, the Foundation also receives state funding. An independent scientific commission of the highest standard selects projects for funding. Financial support and donations are welcome.

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über schwere entscheidungen und glückliche zufälle.

7 Nov

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Foto von Pauli Antero

Wir treffen eine Vielzahl von grundlegenden Lebensentscheidungen unter großer Unsicherheit. Manchmal hilft die Intuition dabei und berücksichtigt sowohl vernünftige Abwägung als auch emotionale Präferenzen. Aber was, wenn die Intuition ratlos ist? Soll dann der Kopf entscheiden? Oder der Zufall? Mein Plädoyer: Im Zweifel immer die Veränderung wagen! [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Kürzlich musste ich eine grundlegende Lebensentscheidung treffen: Ich bekam eine Stelle in Lübeck angeboten, gleichzeitig tat sich eine vielversprechende berufliche Chance in Berlin auf. Was für ein Glück, was für ein Hochgefühl! Nun lagen zwei Lebenswege vor mir und ich musste eine folgenschwere Entscheidung treffen. Eine Woche habe ich abgewartet: Meist klärt das meine Intuition nach einiger „Bedenkzeit“ von selbst. Nicht in diesem Fall, sie war ratlos. Also half der Kopf nach: Ich holte alle erdenklichen Informationen ein, sprach mit alten und neuen Kolleginnen und Kollegen und mehreren Lieblingsmenschen. Letztendlich fiel die Wahl auf Lübeck.

Es kam dann ganz anders als erwartet. Gute Gründe für Lübeck lösten sich in Luft auf, dafür taten sich neue gute Gründe auf. „Man kann nie so kompliziert denken, wie es plötzlich kommt“, wusste schon Willy Brandt, wenn man dem – mit Zitaten gespickten – Flur in dem Lübecker Hotel glaubt, in dem ich zurzeit die erste Wochenhälfte verbringe. Da ist dann Intuition gefragt: Ein Geistesblitz als eine Mischung aus kühler Logik und heißen Gefühlen, der mit einer plötzlichen Einsicht die Entscheidung erleichtert, meint Wolf Lotter. Aber was, wenn der Geistesblitz ausbleibt?

Neulich wurde ich gefragt, warum ich in Münster studiert habe. Auch das war eine grundlegende Lebensentscheidung und ich war offen für alles, das Bauchgefühl also keine Entscheidungshilfe. Bei der Suche nach einer Antwort stoße ich auf alte Dateien aus dem Sommer 2004, meinem letzten Schulferiensommer. Ich habe damals anscheinend quasi alle Psychologie-Studienordnungen gelesen und meine Studienortwahl nach einem komplexen Entscheidungsschema getroffen, das die Schwerpunktfächer, Größe der Stadt, Entfernung zu den Eltern (nicht zu nah und nicht zu fern) und diverse Hochschulrankingsbeinhaltete. Heraus kam die Entscheidung für Münster – eine gute Entscheidung, aber wirklich besser als alle anderen?

Mit einem guten Freund sitze ich im eins44 in Neukölln, er lädt mich zur Feier der Lübeck-Zusage zum Essen ein. Und wir reden über meine Entscheidung für Lübeck trotz meiner Liebe zu Berlin. Er findet, es werden häufig falsche Entscheidungen getroffen, vielleicht nicht in diesem Fall, aber andernorts: Bei Stellenbesetzungen oder dem Verteilen von Forschungsgeldern zum Beispiel. Insofern hat er Sympathie dafür, den Zufall entscheiden zu lassen. Die Welt ist sowieso unvorhersehbar (vielleicht zum Glück!). Und die Vernunft kann zwar im Vorhinein mit viel Mühe Informationen sammeln und abwägen, ist dann aber doch unwissend und – schlimmer noch – systematisch verzerrt.

Steven Levitt war anscheinend ähnlicher Ansicht und nutzte den Zufall in einem Feldexperiment: Unentschlossene Menschen ließ er online zu einer wichtigen Lebensentscheidung eine Münze werfen. 20.000 Münzwürfe später zeigte sich: Die Unentschlossenen nehmen die Zufallsempfehlung ernst und diejenigen, die sich für eine Veränderung entschieden, waren ein halbes Jahr später glücklicher als diejenigen, die sich (vorerst) gegen eine Veränderung entschlossen. Statt den Zufall entscheiden zu lassen, empfiehlt Levitt den Unentschlossenen nun: „Wenn Sie sich nicht entscheiden können, sollten Sie das Neue wählen“.

Ob das Eingehen einer exklusiven Beziehung oder das Beenden einer ebensolchen, die Suche nach dem Studienort oder eine berufliche Weiterentwicklung, wir treffen eine Vielzahl von grundlegenden Lebensentscheidungen unter großer Unsicherheit. Meist ist völlig unklar, wie die Zukunft wird, was sie nur begrenzt rational zugänglich macht. Welche Entscheidung auch getroffen wird, viel wichtiger scheint mir, überhaupt Entscheidungen zu treffen. Denn keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung und vielleicht die schlechteste von allen Alternativen. Ich selbst lege mich deshalb gern fest. Aber gern immer wieder neu. Im Zweifel bin ich eigentlich immer für Veränderung. Aber auch das kann sich natürlich verändern.

Zum Weiterlesen

Die Junge Akademie (2015). Zufall – Wem fällt was zu?. Junge Akademie Magazin.

Levitt, S. D. (2016). Heads or tails: The impact of a coin toss on major life decisions and subsequent happiness. the National Bureau of Economic Research, Working Paper 22487.

Lotter, W. (2016). Zündstoff: Intuition und Vernunft sind keine Gegensätze. Sie ergänzen einander ideal. brand eins.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

american dream?
career paths in higher education.

3 Nov

foto_von_vinicius_serafim

Photograph by Vinícius Serafim

What can we learn from science policy in other countries? Are they facing similar challenges? Are they able to deal with some of these challenges more efficiently? We will discuss that at the 13th Meeting of the ID-E that is part of the Berlin Science Week. Join us!

When: Monday, Nov 7th 2016, 10 am to 8 pm

Where: Embassy of Canada to Germany, Leipziger Platz 17, 10117 Berlin

Registration: Attendance is free but requires registration beforehand

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My Abstract

Young academics in Germany are faced with a tremendous lack of promising career prospects within academia resulting in much more feelings of job insecurity compared to other countries (Friesenhahn & Beaudry, Global Young Academy, 2014). Thus, there is much to learn from those who offer by far better academic career prospects:

(1) Germany needs more professors. Here, we have a high number of pre- and postdocs with a temporary contract and a small number of professors with tenure or tenure track. Contrary to most other countries, this results in many highly qualified young scientists with no perspective for an enduring job within academia (Specht, Endesfelder, Erb, Hof, Pernice et al., Die Junge Akademie, 2016).

(2) Germany needs an improved tenure track system. The Juniorprofessur was initially introduced in Germany based on the idea of assistant professorships in other countries. However, contrary to assistant professorships, a tenure track option can only be found in a negligible fraction of these Juniorprofessuren (Schularick, Specht, Baumbach et al., Die Junge Akademie, 2015). The new Nachwuchspakt that aims at implementing 1,000 new tenure track professorships will hopefully start to change that soon.

(3) Germany needs a modern department structure. In contrast to most other countries, there is a strong hierarchy within departments with few chairs and many subordinate research assistants in Germany. This personal structure could, with no costs, be changed to a department structure with a larger number of autonomous professors that have equal rights and share the large number of responsibilities (Menke, Schularick, Baumbach et al., Die Junge Akademie, 2013).

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ID-E Berlin International Dialogue on Education is a joint initiative of the British Council Germany, the German Academic Exchange Service, the German-American Fulbright Commission, the Australian Group of Eight, the Embassy of Canada to Germany and the Freie Universität Berlin. It offers a platform for international participants to discuss science policy.