früher | Dezember, 2022

auf zu neuen stellen trotz neuwahlen.
aus der tagesspiegel-kolumne „vom campus“.

12 Dez

Dieser Artikel wurde zuerst im Tagesspiegel veröffentlicht. Er ist Teil der Kolumne „Vom Campus“, in der ich von nun an alle 4 Wochen einen Text veröffentliche.

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Nun wird also erneut gewählt in Berlin. Eineinhalb Jahre nach der „Pannenwahl“ wird diese – hoffentlich ohne Pannen – am 12. Februar wiederholt. Bis dahin: voraussichtlich vor allem Wahlkampf. Danach: vielleicht neue Mehrheiten, Koalitionsverhandlungen. Es ist zu befürchten, dass die kommenden Monate damit eine Zeit des Wartens werden. Das ist für die Berliner Wissenschaft bitter, die gerade vieles gebrauchen kann, nur kein Abwarten.

Akuten Handlungsdruck gibt es spätestens seit September 2021: Damals beschlossen die Abgeordneten der vorherigen Landesregierung in einer ihrer letzten Amtshandlungen eine Novelle des Berliner Hochschulgesetzes. Diese hatte nicht weniger im Sinn als eine grundlegende Reform der Personalstrukturen an Universitäten: Unter anderem sah sie vor, promovierten Wissenschaftler:innen von nun an eine zuverlässige Aussicht auf Entfristung zu gewährleisten. Ein mutiger, längst überfälliger Schritt.

Aber auch ein folgenschwerer: Entfristete Stellen könnten teurer werden und die Studierendenzahlen erhöhen, dafür würden neue Lehrkonzepte und mehr Lehrräume benötigt. Professor:innen bekämen zwar mehr entfristete Kolleg:innen, verlören aber abhängig Beschäftigte und damit Unterstützung, bisher ohne Kompensation. Und: Jede vormals befristete Stelle, die entfristet werden soll, benötigt die Zustimmung der Senatsverwaltung, die sie jedoch bisher in vielen Fällen verweigert.

Die Reform der Personalstrukturen stagniert offensichtlich, ganz im Sinne derer, die sich nur schwer an den Gedanken grundlegender Veränderungen im Wissenschaftssystem gewöhnen können. Und die auf eine Rückkehr zum Status quo nach der Wahl hoffen. Für die Modernisierungsfreudigen aus der Senatsverwaltung, dem Abgeordnetenhaus und den Universitäten bedeutet das, nun zügig umzusetzen, was in den letzten eineinhalb Jahren vorbereitet wurde: gemeinsam und tatkräftig.

auf was könnte ich nie verzichten?
ein gastbeitrag für das kursbuch.

2 Dez

Dieser Artikel wurde zuerst im Kursbuch veröffentlicht, das hier bestellt werden kann: https://kursbuch.online/shop/kursbuch-212-jetzt-wirds-knapp/

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Für eine extrovertierte Person ist das eine einfache Frage: Auf Menschen! Am liebsten startet man mit ihnen schon in den Tag: zum Beispiel mit der Mitbewohnerin, die in der WG-Küche zeitgleich den Aufwachkaffee schlürft, oder mit den plappernden Kleinkindern, die das Elternbett erobern, während man sich selbst noch aus dem Traumland schält. Und ist man erst mal wach, geht es raus in die Welt, an die mehr oder weniger frische Luft, unter Leute, bekannte und noch unbekannte. Und so interagiert man sich durch den Arbeitstag, mit Kolleginnen und Freunden, anschließend beim gemeinsamen Sport oder in der Bar oder beidem, Hauptsache nicht allein.

Extrovertierte Menschen sind auch deshalb oftmals glücklicher als ihre introvertierten Mitmenschen, weil sie so viel unter Menschen sind. Weil sie zielgerichtet auf soziale Umgebungen zusteuern, keine Scheu haben, auch mit Zufallsbegegnungen ein Gespräch anzufangen, und dieser rege Austausch ihnen guttut. Je weniger Zeit sie allein verbringen und je mehr sie mit anderen Menschen sprechen, desto besser geht es ihnen. Small Talk ist dabei Nebensache, zuverlässig glücklich werden sie meist vor allem dann, wenn sie es darüber hinaus schaffen.

Doch wie ist das bei introvertierten Menschen? Worauf können sie nie verzichten? Auf die Ruhe des Alleinseins? Die Abwesenheit von Stimmengewirr?

Tatsächlich geht es ihnen wie den extrovertierten: Je mehr sie unter Menschen sind und je gesprächiger sie sich verhalten, desto besser geht es ihnen. Verhält sich eine introvertierte Person ausnahmsweise extrovertiert, dann zahlt sich das für sie aus. Das heißt im Umkehrschluss auch: Introvertierte Menschen sind seltener fröhlich als sozialere Menschen, weil sie seltener in Situationen geraten, die ihnen guttun würden.

Heißt das, wir müssten schlicht alle extrovertiert handeln, um darin unser Glück zu finden, ob es nun unserer Persönlichkeit entspricht oder nicht? Die naheliegende Antwort ist „Nein“, denn wer dauerhaft vor sich selbst oder anderen vorgibt, jemand zu sein, der er nicht ist, riskiert, sich kontinuierlich selbst zu überfordern. Schließlich mag es einen Grund haben, warum es manche Menschen ins Getümmel zieht, während andere den Abend mit Wein und Buch auf dem Sofa vorziehen.

Introvertierte Menschen stürzt das natürlich in ein Dilemma: Sie sollen einerseits sich selbst treu sein, andererseits aber extrovertiert handeln, sollen also gleichzeitig allein und unter Menschen sein, gleichzeitig die Ruhe genießen und in ein Gespräch vertieft sein.

Ganz so widersprüchlich ist es zum Glück nicht: Jeder Mensch – egal ob extrovertiert oder introvertiert – verhält sich im Laufe der Zeit manchmal mehr und manchmal weniger extrovertiert. Natürlich kann auch ein extrovertierter Mensch sprachlos einer Lesung lauschen und auch ein introvertierter Mensch eine volle Party genießen. Es ist sogar der Normalfall, dass wir über den Tag verteilt eine Vielzahl unterschiedlicher Persönlichkeitszustände erleben. Denn extrovertierte Menschen unterscheiden sich von introvertierten Menschen nicht in der Bandbreite ihrer extrovertierten Zustände, sondern in der Häufigkeit dieser Zustände: Jeder Mensch verhält sich irgendwann extrovertiert, aber extrovertierte Menschen verhalten sich häufiger entsprechend als introvertierte Menschen.

Und tatsächlich zeigen Experimente: Introvertierte Menschen, die sich extrovertiert verhalten sollen, sind genauso glücklich damit wie extrovertierte Menschen. Und sie scheinen keinerlei Nebenwirkungen dadurch zu erleben, dass sie sich entgegen ihrer „eigentlichen“ Persönlichkeit verhalten. Anders herum ist es übrigens bei extrovertierten Menschen, die angehalten sind, sich introvertiert zu verhalten, denen drückt das durchaus auf die Stimmung.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukehren: Nie könnten wir auf andere Menschen verzichten, selbst ich nicht, dabei gehöre ich zu den Introvertierten.

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Zum Weiterlesen empfohlen:

Milek, A. et al. (2018). „Eavesdropping on happiness“ revisited: A pooled, multisample replication of the association between life satisfaction and observed daily conversation quantity and quality. Psychological Science, 29, 1451-1462.

Zelenski, J. M., Santoro, M. S., & Whelan, D. C. (2012). Would introverts be better off if they acted more like extraverts? Exploring emotional and cognitive consequences of counterdispositional behavior. Emotion, 12, 290-303.