früher | Oktober, 2022

einstieg in eine moderne personalstruktur.
das 2-pfade-plus-modell an der humboldt-universität zu berlin.

18 Okt

Abbildung von Henning Füller: 2-Pfade-Plus-Modell

Wie geht die Humboldt-Universität zu Berlin mit der viel diskutierten Neufassung des §110 BerlHG um, das Berliner Universitäten verpflichtet, promovierte Wissenschaftler:innen auf Qualifikationsstellen zu entfristen, sofern sie die vereinbarten Qualifikationsziele erreichen? Eine Arbeitsgruppe hat in den vergangenen Monaten unter Beteiligung aller Statusgruppen einen Vorschlag erarbeitet, das 2-Pfade-Plus-Modell. Die an der Arbeitsgruppe beteiligten Wissenschaftler:innen Henning Füller, Constanze Baum und Jule Specht erklären das Modell.

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Die Beschäftigungsbedingungen und Karrierewege in der Wissenschaft stehen seit vielen Jahren in der Kritik. Nicht erst seit der breiten Protestwelle unter #IchBinHanna werden verlässliche Perspektiven in der Wissenschaft angemahnt. Die Novelle des Berliner Hochschulgesetzes im letzten Jahr setzte dort an und forderte von den Hochschulen substanzielle Veränderungen in der Personalstruktur. Promovierte Wissenschaftler:innen auf Haushaltsstellen sollen nun standardmäßig eine Entfristungsperspektive erhalten. Statt verlässliche Karriereperspektiven zu etablieren, löste das neue Berliner Hochschulgesetz jedoch zunächst vor allem einige Schockwellen aus: Ohne Übergangsregelung und mit vielen weiterhin offenen Fragen zur Umsetzung waren die Hochschulen zunächst überrumpelt, es wurde eine Verfassungsbeschwerde der damaligen Präsidentin eingereicht, die darüber hinaus – ebenso wie unser damaliger Vizepräsident für Haushalt, Personal und Technik – mit Verweis auf das Gesetz zurücktrat.

Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet: Der Akademische Senat hat eine statusgruppenübergreifende Arbeitsgruppe zur Umsetzung der Gesetzesnovelle eingesetzt und unter der Moderation unseres kommissarischen Präsidenten Peter Frensch einen intensiven inneruniversitären Diskussionsprozess gestartet, aus dem ein Modell zur Umsetzung entstand: Das 2-Pfade-Plus-Modell. Mit diesem steht die Universität nun in weiteren Verhandlungen mit dem Land, damit in einem Jahr, wenn die nachträglich eingeführte gesetzliche Übergangsfrist abgelaufen ist, alles vorbereitet für die Umsetzung ist. Bis dahin ist jedoch noch viel zu tun, auch an den Fakultäten und Instituten.

Das 2-Pfade-Plus-Modell im Detail 

Zukünftig soll es für promovierte Wissenschaftler:innen auf haushaltsfinanzierten Stellen zwei Karrierepfade geben: Zum einen über eine Professur mit Tenure Track, zum anderen über entfristete Stellen im Mittelbau. Haushaltsfinanzierte Postdoc-Stellen, die bisher befristet waren – das trifft auf etwa 250 Stellen an der Humboldt-Universität zu – und nun aufgrund des Berliner Hochschulgesetzes nicht mehr befristet besetzt werden können, würden also bei Neubesetzung entweder in Tenure-Track-Professuren oder in Dauerstellen im Mittelbau umgewandelt werden. Beide Karrierepfade haben potenzielle Vor- und Nachteile und es ist nun Sache der Fakultäten und Institute zu diskutieren, welche Ausgestaltung zu ihrem Fach am besten passt.

An der Humboldt-Universtiät gibt es an den meisten Fakultäten bereits sehr gute Erfahrungen mit Tenure-Track-Professuren als einem international etablierten Karriereweg. Wissenschaftler:innen erhalten auf diesen Stellen bereits kurz nach der Promotion die Möglichkeit, sich in selbstständiger Forschung und Lehre zu bewähren. Nach vier Jahren erfolgt eine Bewährungsfeststellung die – bei positiver Evaluation – in eine unbefristete W2- oder W3-Professur mündet. Institute, die ihre befristeten Postdoc-Stellen in diese Stellenkategorie umwandeln, können von einem größeren Professorium, in dem sich professorale Aufgaben auf mehr Schultern verteilen, profitieren sowie durch die steigende Anzahl an Professuren bei einem gezielten Anwerben von Frauen zu einem ausgeglicheneren Geschlechterverhältnis auf professoraler Ebene beitragen.

Die Humboldt-Universität hat auch bereits Erfahrungen mit Dauerstellen im Mittelbau. Neu ist ihre Ausgestaltung: Zum einen werden diese – sofern aus Haushaltsmitteln finanziert – standardmäßig von vornherein entfristet. Die Humboldt-Universität verzichtet damit ausdrücklich auf eine weitere Bewährungsfeststellung mit ihren vielen praktischen, inhaltlichen und juristischen Fallstricken. Vielmehr wird von vornherein Klarheit geschaffen: planerische Klarheit für die Struktur eines Instituts, das sich überlegen muss, wie viele solcher Stellen eingerichtet werden sollen. Klarheit aber auch für die Beschäftigten, deren Karrierewege mit einer abgesicherten Planung hinterlegt sind. Neu ist zum anderen, dass die Stellen typischerweise von einer statusgruppenübergreifenden Auswahlkommission einer Fakultät beziehungsweise eines Instituts besetzt werden.

Option „Researcher“ oder „Lecturer“

Neben den beiden beschriebenen Pfaden ist ein weiterer entscheidender Aspekt die „+-Option“: Auch für entfristete Postdocs soll es Raum für Weiterqualifizierungen und Aufstiegschancen geben. Wird von Institut und Stelleninhaber:in eine eigenständige Tätigkeit in Forschung oder Lehre im Mittelbau angestrebt, soll eine zeitweise Deputatsreduktion zur Weiterqualifikation beantragt werden können, verbunden mit einer gegenüber dem Institut zu verabredenden Zielvereinbarung. Werden diese Ziele erreicht, kann die Weiterbeschäftigung als selbstständig arbeitender „Researcher“ oder „Lecturer“ erfolgen.

Jetzt  ist es wichtig, sich auf Ebene der Institute und Fakultäten Gedanken zu machen, wie die Strukturen und Einstellungsverfahren ab Oktober 2023 konkret aussehen sollen, wenn die Novelle des Hochschulgesetzes in Kraft tritt. Alle rechtlichen Voraussetzungen für das Modell sind gegeben. Dennoch ist auch das Land gefordert, die Umsetzung des Gesetzes auf der Ebene der Verordnungen und Verwaltungsabläufe zu konkretisieren.

Die Universität als Ganzes verbessern

Das 2-Pfade-Plus-Modell kann den Einstieg in eine moderne Personalstruktur ermöglichen, in der Haushaltsmittel für promovierte Wissenschaftler:innen in Stellen mit langfristiger Perspektive investiert werden und eigenständige Forschung und Lehre gestärkt wird. Die Impulse des Berliner Hochschulgesetzes können von der Humboldt-Universität somit genutzt werden, um die verbreitete Kritik an den unsicheren Beschäftigungsbedingungen von Wissenschaftler:innen zu adressieren. Ein Schritt, der unsere Universität als Ganzes verbessern kann.

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Dieser Text wurde von Henning Füller, Constanze Baum und Jule Specht verfasst und zuerst in der HUMBOLDT, dem Magazin der internen Kommunikation der Humboldt-Universität zu Berlin, veröffentlicht.