früher | Oktober, 2019

100% bezahlung für 100% leistung.
gastbeitrag im blog von jan-martin wiarda.

21 Okt

Foto von Ian McMorran

Die DFG-Fachkollegienwahl beginnt heute. Sie sollte auch eine Wahl über den fairen Umgang mit den Doktorand*innen sein. Sie sind die Zukunft unserer Wissenschaft. Ein Aufruf von Martin Grund, Marcel Knöchelmann, Martin Mann und Jule Specht.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat zur Wahl ihrer Fachkollegien aufgerufen. Von heute an können die wahlberechtigten Wissenschaftler*innen an den Wahlstellen, zu denen sie gehören, ihre Stimme abgeben. Die Wahl endet am 18. November. Wir möchten Sie bitten, bei Ihrer Wahlentscheidung zu bedenken: Sprechen sich die Kandidat*innen, die Sie in Erwägung ziehen, für eine 100-Prozent-Bezahlung für DFG-Doktorand*innen aus?

Wir halten das für ein äußerst wichtiges Kriterium. Die DFG-Fachkollegien bestimmen, welche Forschungsprojekte in welchem Umfang gefördert werden. Sie entscheiden auch darüber, wie Doktorand*innen in diesen Forschungsprojekten vergütet werden. Zurzeit werden viele Doktorand*innen in DFG-Projekten nicht im Umfang ihrer Arbeitszeit bezahlt.

Es gibt Fächer, wo 100 Prozent einer vollen E13-Stelle schon heute möglich und üblich sind. In anderen Fächern reicht die Vergütung nur bis zu 65 Prozent, das heißt: Trotz einer Vollzeittätigkeit werden immer noch viele Doktorand*innen in Teilzeit vergütet. Die Mitglieder der Fachkollegien könnten das ändern und eine faire Bezahlung für DFG-Doktorand*innen auch in ihren Fächern ermöglichen.

Warum wir das für wichtig halten? Vor allem aus den folgenden fünf Gründen.

1. Wer 100 Prozent leistet, darf nicht nur 65 Prozent verdienen. Doktorand*innen arbeiten in der Regel Vollzeit (7,7 Stunden pro Tag), das ergab der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 (siehe Seite 140). Ihr Arbeitsaufwand sollte dementsprechend vergütet werden.

2. Der wöchentliche Zeitaufwand für die Promotion unterscheidet sich nicht zwischen den Fächern. Daher sollten auch die Doktorand*innen aller Fächer gleich gut bezahlt werden. Denn Historiker*innen, Pädagog*innen und Psycholog*innen sind für die Wissenschaft und Gesellschaft ebenso wichtig wie Maschinenbauer*innen, Informatiker*innen und Elektrotechniker*innen. Es ist nicht nachvollziehbar und nicht fair, Doktorand*innen in unterschiedlichen Fächern unterschiedlich zu bezahlen.

3. Die Arbeitszeit darf nicht zur Regulation des Gehalts genutzt werden. Doch genauso passiert es derzeit vielerorts: Der Anteil der vergüteten Arbeitszeit wird genutzt, um das Gehalt zu regulieren. Das unterläuft die Tarifverträge des öffentlichen Diensts, ist nicht rechtskonform und eine gesellschaftliche Praxis, die die Wissenschaft nicht unterstützen darf.

4. Die Höhe der Vergütung korreliert negativ mit Frauenanteil. Mit anderen Worten: Die aktuellen Möglichkeiten zur Vergütung von Doktorand*innen diskriminieren Frauen und tragen zum Gender Pay Gap bei. Je höher der Frauenanteil eines Faches, desto geringer ist deren Vergütung. So sind zum Beispiel nur 21 Prozent der Doktorand*innen in der Informatik Frauen, und die Vergütung reicht hoch bis zu 100 Prozent einer E13-Stelle. In den Sprach- und Kulturwissenschaften dagegen beträgt der Frauenanteil 61 Prozent, doch ist beim Gehalt bei 65 Prozent von E13 Schluss. All das lässt sich wiederum im Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs nachlesen, und zwar auf der Seite 89.

5. Die Bezahlung nimmt Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt vorweg. Ohne Not reproduzieren die aktuellen Unterschiede zwischen den Fächern die Logiken des Marktes: Fächer, in denen später hohe Gehälter zu erwarten sind, bezahlen bereits in der Qualifikationsphase Promotion die Doktorand*innen besser. Dabei sind Wissenschaftssystem und DFG der Logik des Marktes gar nicht ausgesetzt. Die tatsächliche Arbeitszeit sollte den Stellenumfang bestimmen und nicht die vermeintliche Wertigkeit auf dem Arbeitsmarkt.

Es gibt in allen Fächern Kandidat*innen, die eine 100-Prozent-Vergütung unterstützen. Wenn wir die besten Köpfe in der Wissenschaft halten wollen, müssen wir ihnen auch die besten Bedingungen bieten. Bitte berücksichtigen Sie das bei der Wahl der DFG-Fachkollegien.

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Dieser Text erschien zuerst im Blog von Jan-Martin Wiarda.

Martin Grund, Marcel Knöchelmann, Martin Mann und Jule Specht sind Mitglieder des Netzwerks für Wissenschaftspolitik von Sozialdemokrat*innen (SPDWissPol).

dreieinhalb antworten.
kurzinterview in der zeit.

10 Okt





Jede Woche stellt die ZEIT einer Person aus der Scientific Community 3 1/2 Fragen und dieses Mal war ich an der Reihe. Eine gekürzte Version meiner Antworten wurde sowohl im WISSEN-Teil der heutigen Print-Ausgabe als auch im heutigen WISSEN3-Newsletter veröffentlicht.

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Was brauchen Sie heute im Beruf, was Sie im Studium nicht gelernt haben?
Als Wissenschaftlerin arbeite ich in einem Beruf, in dem die Inhalte eng mit dem Studium verknüpft sind und sich gleichzeitig immer weiterentwickeln. Gerade lese ich viel zu politischer Psychologie, das kam im Studium damals nicht dran, ist aber hochinteressant.
Im Beruf braucht man aber natürlich mehr als das, bspw. auch Neugier, Begeisterungsfähigkeit und Durchhaltevermögen. Das lernt man eher im Leben als in der Lehrveranstaltung, z.B. indem man sich in vielfältigen Bereichen neben Studium (und Beruf) engagiert und so oft wie möglich über den Tellerrand schaut.

Welches wissenschaftspolitische Problem lässt sich ohne Geld lösen?
Wissenschaftliche Karrieren könnte man kostenneutral attraktiver gestalten, z.B. mit der Einführung von Departmentstrukturen. An der HUB diskutieren wir gerade an mehreren Instituten, wie das konkret aussehen könnte. Das Ziel: Eine nachhaltige Personalstruktur, in der Grundmittel in unbefristete Stellen investiert werden und befristete Postdoc-Stellen in Tenure-Track-Professuren aufgewertet werden. Dadurch sollen Hierarchien abgebaut und auch das Wissenschaftsmanagement professionalisiert werden, um (unter anderem) international anschlussfähig zu werden.

Lektüre muss sein. Welche?
Wer wir sind: Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein von Jana Hensel und Wolfgang Engler und Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft von meinem Kollegen Steffen Mau werde ich als nächstes lesen und freue mich schon darauf. Wie meine eigene ostdeutsche Herkunft mich und mein Leben prägt, habe ich lange Zeit übersehen und freue mich, dass ostdeutsche Perspektiven auch im öffentlichen Diskurs endlich an Bedeutung gewinnen.

Und sonst so?
Über Studium und Lehre, gute Beschäftigungsbedingungen in der Wissenschaft und Departmentstrukturen, Forschungsförderung in Ostdeutschland und vieles mehr wird auch bei SPDWisspol diskutiert, einem wissenschaftspolitischen Netzwerk von Menschen mit sozialdemokratischer Haltung. Wer Lust hat, kann mitdiskutieren: http://spdwisspol.de