früher | Dezember, 2018

keine verlorene generation im tenure-track-programm.
gastbeitrag in der faz.

1 Dez

 

Mit Beginn des Wintersemesters haben die ersten Wissenschaftler ihre Professuren aus dem Tenure-Track-Programm von Bund und Ländern angetreten. Sie sind die ersten der 468 Personen an insgesamt 34 Hochschulen, die in den Genuss einer solchen Professur kommen. Diese richten sich an junge Wissenschaftler und sind zwar zunächst auf sechs Jahre befristet, werden bei Bewährung in Forschung und Lehre aber entfristet und bieten damit schon frühzeitig in der wissenschaftlichen Karriere eine langfristige Perspektive. Damit sind die Inhaber dieser Professuren glückliche Profiteure des sogenannten Nachwuchspaktes, der die Karrierewege im deutschen Wissenschaftssystem verbessern soll.

Doch dieses längst überfällige Programm zur Verbesserung der Beschäftigungsbedingungen junger Wissenschaftler stößt nicht nur auf Beifall, sondern auch auf zahlreiche Bedenken. Insbesondere Wissenschaftler, die schon seit einigen Jahren befristet forschen und lehren, befürchten, zu einer „verlorenen Generation“ zu gehören: zu jung für eine der wenigen unbefristeten Professuren und zu alt für eine der neuen Tenure-Track-Professuren. Zusammen mit weiteren Mitgliedern der Jungen Akademie gehen wir diesen Bedenken nach, indem wir das Tenure-Track-Programm kritisch begleiten.

Mittlerweile naht bereits die zweite (und vorerst letzte) Ausschreibungsrunde dieser begehrten Professuren: Bis einschließlich Januar können sich Universitäten, die bisher nicht oder nur anteilig gefördert wurden, um weitere 532 Tenure-Track-Professuren aus diesem Programm bewerben. Ein guter Zeitpunkt, um erste Ergebnisse unseres unabhängigen Forschungsprojekts vorzustellen.

Anstoß zum Strukturwandel

Ziel der Tenure-Track-Professur ist, planbare und transparente Karrierewege in der Wissenschaft zu etablieren. Planbar, weil die Entscheidung über den Verbleib in der Wissenschaft schon früher, im Allgemeinen kurz nach der Promotion, getroffen wird und es schon dann die realistische Option einer Entfristung gibt. Und transparent, weil Berufungskommissionen anhand festgelegter Kriterien über die Auswahl der Tenure-Track-Professoren und deren Entfristung entscheiden, statt dies einzelnen Professoren zu überlassen, wie es bei der Vergabe klassischer Assistenzstellen oftmals der Fall ist. Dabei versteht sich das Tenure-Track-Programm auch explizit als Reformprojekt für einen Kultur- und Strukturwandel im deutschen Wissenschaftssystem.

Die Tenure-Track-Professur baut auf der schon 2002 von der damaligen Forschungsministerin Edelgard Bulmahn eingeführten Juniorprofessur auf. Sie stellt eine international verbreitete Stellenkategorie dar und ermöglicht jungen Wissenschaftlern bereits zu Beginn ihrer Karriere Freiheit in Forschung und Lehre. Problematisch war, dass Juniorprofessuren selbst bei hervorragender wissenschaftlicher Leistung oftmals nicht entfristet werden konnten. Es fehlte damit die langfristige Perspektive. Dieses Problem wird durch die Professuren aus dem Tenure-Track-Programm behoben.

Was bleibt, ist die Befürchtung, eine verlorene Generation zu schaffen. Zu dieser verlorenen Generation werden Wissenschaftler gezählt, die bisher zwar noch auf keine unbefristete Professur berufen wurden, aber bereits mehrere Jahre seit ihrer Promotion in der Wissenschaft tätig sind. Dies sind beispielsweise Personen auf einer befristeten Juniorprofessur ohne Tenure Track oder auf einer befristeten Akademischen Ratsstelle sowie Personen, die eine Eigene Stelle oder eine Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder einen ERC-Starting Grant des Europäischen Forschungsrats eingeworben haben. Diese Wissenschaftler sind gemäß den Hochschulgesetzen der Länder bereits zu alt (beziehungsweise zu qualifiziert) für eine Tenure-Track-Professur und können von dieser Förderung somit nicht mehr profitieren.

Erfahrene Wissenschaftler werden berücksichtigt

Drei Fragen wollen wir mit unserer kritischen Begleitung des Tenure-Track-Programms beantworten: Welche Art von Tenure-Track-Professuren werden durch das Programm finanziert? Geschieht dies zu Lasten einer Generation an Wissenschaftlern? Und werden mit den Programmmitteln tatsächlich neue Professuren geschaffen?

Die Universitäten können mit Hilfe des Tenure-Track-Programms sowohl W1- als auch W2-Professuren schaffen. In beiden Fällen steht ihnen eine Pauschale von ungefähr 120 000 Euro pro Jahr zur Verfügung. Bei positiver Evaluation wird die Tenure-Track-Professur nach sechs Jahren entfristet. Zwei weitere Jahre der dann folgenden W2- oder W3-Professur können ebenfalls über das Programm finanziert werden. Am kostengünstigsten wäre es für die Universitäten somit, mit der Programmpauschale ausschließlich W1-Tenure-Track-Stellen zu schaffen, die bei Bewährung auf W2-Professuren entfristet werden.

Zu Beginn des Semesters lagen 265 Ausschreibungen vor. Es ist damit schon ein substantieller Anteil der bewilligten Professuren ausgeschrieben worden. Entgegen verbreiteten Befürchtungen sind lediglich 154 dieser Stellen Tenure-Track-Professuren auf W1-Niveau, mit 58 Prozent also nur etwas mehr als die Hälfte der bisher ausgeschriebenen Stellen. Die restlichen 42 Prozent sind W2-Professuren, die im Allgemeinen mit erfahrenen Wissenschaftlern besetzt werden. Auch werden längst nicht alle Professuren lediglich auf W2-Niveau entfristet, sondern nur 62 Prozent, während 35 Prozent auf W3-Niveau entfristet werden. Darüber hinaus können einzelne Professuren sowohl als W2 als auch als W3 entfristet werden (das gilt beispielsweise für die Open-Topic-Professuren an der Universität Erlangen-Nürnberg).

Das heißt: Gut die Hälfte der bisherigen Professuren aus dem Tenure-Track-Programm richtet sich an junge Wissenschaftler kurz nach der Promotion. Der restliche Teil der Professuren steht auch erfahreneren Wissenschaftlern offen. Wissenschaftler der vermeintlichen „verlorenen Generation“ werden durch das Programm also durchaus adäquat berücksichtigt.

Ausgewogene Mischung

Parallel dazu untersuchen wir, ob es über die Jahre tatsächlich zu einem Aufwuchs an Professuren kommt. Unsere bisherigen, natürlich noch vorläufigen, Ergebnisse legen nahe, dass sich die Zahl der Professuren erhöht. Nehmen wir die Humboldt-Universität zu Berlin als Beispiel: Am Stichtag (1. Dezember 2014) gab es dort 353 unbefristete Professuren. Drei Jahre später, sogar noch vor Ausschreibung der 26 bewilligten Tenure-Track-Professuren, hat sich die Zahl der unbefristeten Professuren bereits auf 372 erhöht. Berlin scheint keine Ausnahme zu sein. Auch an anderen Universitäten stieg die Zahl der unbefristeten Professuren an, im Durchschnitt um drei Prozent.

Unsere bisherigen Ergebnisse legen nahe, dass das Tenure-Track-Programm entgegen der verbreiteten Sorge gut angelaufen ist. Wenig spricht bisher für die Schaffung einer verlorenen Generation, mehr für eine überraschend ausgewogene Mischung an unterschiedlichen, neu geschaffenen Tenure-Track-Professuren.

Für die Universität braucht es aber ein weiter reichendes Ziel als das Tenure-Track-Programm. Mitglieder der Jungen Akademie schlagen dafür die Schaffung einer Departmentstruktur vor. Die Tenure-Track-Professur ist darin der Standardweg zur unbefristeten Professur. Um diese flächendeckend einzuführen, werden in unserem Vorschlag befristete Postdoktoranden-Stellen kostenneutral in Professuren aufgewertet und die Ressourcen in den Departments kollegial geteilt, anstatt dauerhaft einzelnen Lehrstühlen zugeordnet zu werden. Dadurch entsteht ein Wissenschaftssystem, in dem die Kooperation auf Augenhöhe im Mittelpunkt steht und Hierarchien zwischen Wissenschaftlern abgebaut werden.

Ebenso haben wir ein neues Förderformat vorgeschlagen: die Bundesprofessur. Diese soll erfolgreichen jungen Wissenschaftlern eine unbefristete Möglichkeit zur selbständigen Forschung und Lehre an einer Universität ihrer Wahl ermöglichen und langfristig aus Bundesmitteln finanziert werden. Beide Vorschläge zielen darauf ab, ein leistungsstarkes und sozial verträgliches Wissenschaftssystem zu schaffen, in dem die besten Wissenschaftler eine langfristige Perspektive erhalten und unabhängig arbeiten können.

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Dieser Gastbeitrag erschien am 28. November 2018 in der FAZ. Link zum Gastbeitrag