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über große und größere sorgen.

18 Jul

Foto von vintagecat

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Die eigenen Sorgen sind meist nicht die größten, merke ich wieder. Denn gegen einen Hirntumor oder den Psychiatrie-Alltag, ein totes Kind oder hunderte Bürgerkriegstote sind die eigenen Probleme meist ein Klacks. Nach der Amokfahrt in Nizza und dem Putschversuch in der Türkei – beides geschah nach Abgabe dieses Textes – sollte man vielleicht sogar von großen, größeren und noch größeren Sorgen sprechen. Aber werden davon die großen Sorgen kleiner?

Geht es Menschen schlecht, vergleichen sie sich häufig mit Personen denen es noch schlechter geht, das schützt nämlich das eigene subjektive Wohlbefinden vor dem Kollaps. Es ist jedoch ein schmaler Grat zwischen den Vorteilen und Nachteilen dieser sozialen Vergleiche. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Die eigenen Sorgen sind meist nicht die größten, merke ich wieder. Kürzlich, an einem dieser warmen Berliner Sommerabende, sitze ich zur Belohnung nach einem fleißigen Schreibtag lesend bei einem Glas Weinschorle in der Böse Buben Bar. Es ist Freitag, überall Geplauder und Gelächter. Bei mir stattdessen ein Anflug des Gefühls großstädtischer Einsamkeit. Im Trubel um mich herum ist die Stimmung gelöst, ich dagegen vertiefe mich – allein – in den erschütternden Psychiatrie-Alltag in Rainald GoetzIrre.

Am Nebentisch treffen sich derweil drei alte Freundinnen wieder. Wie es scheint, nach langer Zeit. Ehemalige Kommilitoninnen vielleicht, thirtysomething. Natürlich lauscht man nicht, aber der Wind trägt die Worte ungefragt herüber: Eine der drei eröffnet, sie hätte eine Hirntumor-Diagnose erhalten. Bam. Die Freundinnen sind offensichtlich geschockt, sie sagen erst nichts, dann Belangloses, totale Überforderung. Was soll man auch sagen, denke ich. „Don’t cry – work“, lese ich bei Goetz. Und: „Nur die Arbeit hilft gegen das ganze schlimme Leben.“

Die eigenen Sorgen sind gegen Hirntumor und Psychiatrie-Alltag ein Klacks. Macht es das besser? Psychologische Studien zu sozialen Vergleichen nehmen das tatsächlich an. Besonders häufig vergleichen sich, laut einer Studie von Ladd Wheeler und Kunitate Miyake, Menschen mit engen Freunden und weitaus häufiger über sogenannte downward comparisons. Das heißt, wir vergleichen uns bevorzugt mit schlechter gestellten Menschen unseres näheren Umfelds. Und das ist durchaus funktional, denn in dieser Studie fühlten sich die Probanden anschließend besser. Upward comparisons dagegen haben den umgekehrten Effekt, sind also nicht empfehlenswert.

Ich finde das überraschend: Ist ein gesunder, glücklicher und erfolgreicher Freundeskreis tatsächlich ein Risikofaktor für das eigene Wohlbefinden? Bestätigung dafür findet sich auch in einer Studie von Karen VanderZee und Kollegen. Sie fanden bei Krebskranken ein erstaunlich hohes Wohlbefinden und konnten dies darauf zurückführen, dass mit steigender krankheitsbedingter Belastung auch die Häufigkeit von downward comparisons steigt, die wiederum das subjektive Wohlbefinden vor dem Kollaps schützen. Zum Glück findet sich also selbst unter Schwerstkranken immer noch jemand, dem es noch schlechter geht!?

Anders bei einer guten Freundin, die vor wenigen Jahren ihr lang ersehntes Wunschkind in der fortgeschrittenen Schwangerschaft verlor. Für sie ein einschneidender Schicksalsschlag, der ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte. Ihr Vater meinte es damals vermutlich gut, als er sie an eine Bekannte der Familie erinnerte, die ein schwerstbehindertes Kind gebar, das nur zwei Jahre überlebte und rund um die Uhr von Pflegepersonal versorgt werden musste. Tröstend war das für die Freundin jedoch nicht, sondern weiteres Futter für die Hoffnungslosigkeit.

Oder bei Milo Rau: In Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs lässt er seine Hauptperson mit Blick auf das Foto des toten kleinen Jungen am Mittelmeer fragen, was denn ein einzelner Toter schon gegen all die Bürgerkriegstoten im Kongo sei. Der downward comparison als rhetorisches Ausweichmanöver, auch als Whataboutism bekannt, um von Missständen abzulenken, indem man anderes Elend ins Feld führt. Als würde die schreckliche Tragik über den sinnlosen Tod eines Kindes dadurch geschmälert, dass es woanders ebenso Leid gibt.

Es ist ganz offensichtlich ein schmaler Grat zwischen den Vorteilen und Nachteilen dieses sozialen Vergleichs: auf der einen Seite die Dankbarkeit, dass es einem selbst nicht so schlecht geht, wie es gehen könnte. Auf der anderen Seite das Gefühl, dass die eigenen ernstzunehmenden Probleme nicht als solche erkannt werden. Zurück zum Anfang: In den eben noch wohlig warmen Sommerabend ist mit der niederschmetternden Nachricht der unbekannten Tischnachbarin die Kälte eingezogen. No benefits from downward comparison here.

Zum Weiterlesen

Goetz, R. (1986). Irre. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

VanderZee, K. I., Buunk, B. P., DeRuiter, J. H., Tempelaar, R., VanSonderen, E., & Sanderman, R. (1996). Social comparison and the subjective well-being of cancer patients. Basic and Applied Social Psychology, 18, 453-468.

Wheeler, L., & Miyake, K. (1992). Social comparison in everyday life. Journal of Personality and Social Psychology, 62, 760-773.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.