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über alterspanik.

28 Mrz

Foto von Amanda Tipton

Foto von Amanda Tipton

Seit über zwei Jahren bin ich ‚fast 30‘. In wenigen Wochen muss ich das ‚fast’ daraus streichen. Obwohl längst im Erwachsenenleben gelandet, stellt dieser Übergang vom jungen ins mittlere Erwachsenenalter eine emotionale Herausforderung dar. Ein Grund dafür: Der 30. Geburtstag ist ein ’temporal landmark‘, ein zeitlicher Orientierungspunkt, ab dem man angekommen ist und alles so bleibt wie es ist — ein Trugschluss, Segen oder bittere Wahrheit? [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Mein 30. Geburtstag ist zum Greifen nahe. In wenigen Wochen wird der Tag kommen, dem ich seit über zwei Jahren ängstlich entgegen blicke. Genau genommen habe ich mich nie wie 28 oder 29 gefühlt, sondern immer nur wie „fast 30“. Ben, ein guter Freund, findet das überzogen und meint: „Du wirst sehen, 30 werden ist voll easy.“ Er sieht sich damit im wissenden Recht des Älteren, schließlich hat er im vergangenen Jahr sogar die 40 geschafft. Ein Einzelfall ist meine Alterspanik jedoch nicht, stattdessen geht es zahlreichen Twens ähnlich.

„Ich dachte, der 30. stellt ne Hürde dar, solange man es noch nicht ins Erwachsenenleben geschafft hat“, meint Jonathan, auch er ein befreundeter Überdreißiger. Dabei bin ich da längst: Ausbildung beendet, Traumberuf gefunden, Kinder bekommen. Mein soziales Alter hat die Hürde des 30. damit geschafft, das chronologische Alter hinkt also hinterher. Warum dann also dieses Unwohlsein? Ein Resultat des medial promoteten Jugendwahns?

Zumindest ist ein Geburtstag, noch dazu ein Runder, ein temporal landmark, ein zeitlicher Orientierungspunkt. Johanna Peetz und Anne Wilson fanden heraus, dass wir solche temporal landmarksnutzen, um Erinnerungen und Ziele zu strukturieren. Auch wenn sich durch die temporal landmark nichts Nennenswertes ändert – wir werden in der Nacht zum Geburtstag nicht plötzlich zu einem anderen Menschen – empfinden Menschen einen Gegensatz zwischen dem Selbst davor und dem Selbst danach. Peetz und Wilson argumentieren, dass das durchaus positiv sei, da es Menschen zu zielorientiertem Handeln motiviert.

Der 30. Geburtstag ist ein Sonderfall, zumindest aus der Perspektive der Entwicklungsaufgaben: Das junge Erwachsenenalter steht im Zeichen der Herstellung von sozialen Rollen (establishing). Es wird sich für Lebenswege entschieden: eine Familie gegründet, ein Beruf gewählt. Im mittleren Erwachsenenalter geht es dann vor allem um das Beibehalten dieser Rollen (maintaining). Und im hohen Alter steht das Anpassen an Verluste im Vordergrund (adjusting). Glücklicherweise ist das Leben heutzutage selten so gradlinig, und verschnörkelte Lebenswege sind weitgehend anerkannt. Dennoch ist der Übergang vom jungen ins mittlere Erwachsenenalter eine Zeit zum Bilanz ziehen.

Kein Problem, wenn die Bilanz positiv ausfällt. Dann übernimmt sorglos die End of History-Illusion: das Gefühl, man habe sich zwar bisher verändert, hätte mittlerweile aber seinen Endzustand erreicht. Bei mir ist es zu früh für Endzeitstimmung, ich möchte keinesfalls im Jetzt stehenbleiben. Noch mal studieren, zumindest ein Seminar zu Max Frisch belegen. Eine Sprache lernen, Französisch oder Schwedisch, vielleicht beides. Und endlich Klavier. Vielleicht irgendwann auch noch mal alles ganz anders machen. „Mach doch ein Seniorenstudium“, schlägt Simone allen Ernstes kürzlich vor, als wir beim Wein im Barkett zusammensitzen.

Im Gespräch mit der FAZ kommt der achtjährige Jan zu dem Schluss, man solle sich die Zukunft in der Fantasie denken, nicht so, wie sie jetzt ist. Recht hat er. Und man sollte es wie der kürzlich verstorbene Roger Willemsen halten, der meinte: Wenn wir das Leben schon nicht verlängern können, können wir es doch verdichten. Das werde ich tun: Mit dem Auspusten der Geburtstagskuchenkerzen ein noch verdichteteres Leben einläuten. Fantasie dafür ist da, also keine End of History-Illusion für mich. Ich bin bereit, die 30 kann kommen.

Zum Weiterlesen

Hutteman, R. Hennecke, M., Orth, U., Reitz, A. K., & Specht, J. (2014). Developmental tasks as a framework to study personality development in adulthood and old age. European Journal of Personality, 28, 267-278.

Mayer, S. (2016). Die Kunst, stilvoll älter zu werden: Erfahrungen aus der Vintage-Zone. Berlin: Berlin Verlag.

Peetz, J., & Wilson, A. E. (2013). The post-birthday world: Consequences of temporal landmarks for temporal self-appraisal and motivation. Journal of Personality and Social Psychology, 104, 249-266.

Quoidbach, J., Gilbert, D. T., & Wilson, T. D. (2013). The end of history illusion. Science, 339, 96-98.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.