Labor meets Liebe
Ich liebe Dich – drei kleine Worte mit einem großen Unterschied

20 Mrz

Es scheint als führten drei kleine Worte mit eigentlich herzerwärmender Bedeutung in den meisten Fällen automatisch zu kopfloser Panik. Doch wenn Liebe machen nicht zwangsläufig einhergeht mit lieben, wann ist dann eigentlich der optimale Zeitpunkt für Ich liebe Dich?

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Als Marissa das Offensichtliche endlich in Worte fasste, bekam sie von Ryan, genauso wie Leonard später von Penny, die undankbaren Worte „Thank you“ aus einem Gesicht voller Entsetzen erwidert. Für die (Serien-)Unerfahrenen gibt’s hier und unten als kleine Einstimmung in die Thematik die Schlüsselszenen dazu:

Marissa und Ryan in O.C., California

http://www.youtube.com/watch?v=DueYhp8kvZ4&feature=related

An dieser Stelle zeigt sich sehr deutlich der Gegensatz zwischen der nicht-involvierten Wissenschaftlerin (mir), die mit dererlei Panik aus eigener Erfahrung nichts anzufangen weiß (vielleicht weil sie den Lieblingsliebsten bereits mit naiven 16 Jahren kennenlernte), und dem normalen Allerweltsmenschen. So frage ich mich, gibt es dazu ein Äquivalent im deutsch-sprachigen Raum und ist es dementsprechend hier heutzutage gleichermaßen kompliziert? Kann ich (ohne damit als anhängliche Klette dazustehen) von einer temporären Liebschaft behaupten „I’m seeing someone“ oder fühlt sich dieser dann vielleicht sogar abgewehrt, weil er sich schon auf der Stufe „I go out with someone“ fühlt? Ist „I’m dating someone“ erst dann angemessen, wenn sich beide offiziell zueinander bekennen (was meist eine gewisse derzeitige Monogamie voraussetzt) und ab wann bin ich eigentlich „in love with someone“ und folgt später dann erst das „I love someone“ in seiner absolutesten Form? Oder ist so eine Hierarchie nur eine Illusion?

Nicht illusionär sind zumindest die Studien, in welchen sich die Autorin dann selbst auch besser auszukennen meint. Den perfekten Zeitpunkt für sie und ihn und diese drei Worte untersuchten Ackerman und Kollegen (im Druck). So sind, ganz deckungsgleich mit küchen-psychologischem Alltagswissen, Frauen allgemeinhin ja schon prädestiniert für emotionale Überschlagungen, wobei die emotional zurückhaltenden Männer aber doch tatsächlich eher an die immerwährende Liebe glauben. Und, in Anlehnung an frühere Studien, halten Ackerman und Kollegen in betriebswirtschaftlicher Manier doch tatsächlich fest, dass in Beziehungen „women tend to „sell“ and men tend to „buy“ sexual access“. Der charmante Schreibstil der drei verschont sie an dieser Stelle jedoch vor mahnenden Worten.

Die Ergebnisse von Ackerman und Co zeigen jedenfalls, dass man zwar meint, dass Frauen eher Ich liebe dich sagen, es tatsächlich aber die Männer sind. Zum Timing: Der typische Mann freut sich über ein Liebes-Bekenntnis vor dem ersten Sex (er sieht vermutlich seine Chancen auf darauf folgenden Sex steigen), während die Frau sich über solche Worte insbesondere nach dem Sex freut (sie schließt daraus wohl, dass er sie mag, obwohl er ja schon hatte, was er eigentlich nur wollte). Auch sehr interessant: Der vor dem ersten gemeinsamen Sex „liebende“ Mann wirkt auf die Frau weniger ehrlich (hier wird wohl unterstellt es ginge ihm nur um das, um was es dem typischen Mann aus evolutions-psychologischer Sicht vermutlich auch hauptsächlich geht).

Nach dieser Studie bleibt allerdings weiterhin offen, wie mit so unglücklichem Timing, wie ersten Liebes-Bekenntnissen beim Sex, umgegangen werden soll. Da diese vermutlich hauptsächlich aus überschwänglichen Glücks-Gefühlen resultieren, sollten sie aber wohl nicht allzu persönlich genommen werden.

Nun bleibt jedoch weiterhin die Frage: Wann darf man sich trauen das implizit Offensichtliche in etwas explizit Offensichtliches zu wandeln, indem man dem Partner die Liebe gesteht? Hierzu ist vielleicht wichtig zu wissen, dass es, zumindest nach kurzer Zeit, kaum möglich ist einzuschätzen, ob das Interesse am Flirt-Partner auf Gegenseitigkeit beruht, wie Mitja Back mit Kollegen (im Druck) herausfand. Trotz gegenseitigem Flirten, war das Interesse aneinander überraschend nicht-äquivalent. Biesanz und Kollegen (im Druck) schwächen dies für ähnliche Situationen zumindest insofern ab, als dass sie herausfanden, dass man richtiger liegt, wenn man glaubt richtiger zu liegen (wenn auch nur ein wenig). Und DeScioli und Kollegen (2011) haben, zumindest im Freundschaftskontext, herausgefunden, dass die Wichtigkeit von Personen sogar sehr stark auf Gegenseitigkeit beruht (im Sinne von: Magst Du mich, dann mag ich Dich).

Doch was bleibt am Ende dieser Erkenntnisse? Dem Mann sei geraten der wahrhaftig geliebten Frau nach dem ersten Sex dies auch zu berichten, sie wird sich vermutlich darüber freuen (Penny aus unserem verlinkten Eingangsbeispiel bildet hier also anscheinend eine Ausnahme). Die Frau wird dem Geliebten mit einem Bekenntnis schon vor dem Sex zwar eine größere Freude machen, sollte sich aber darüber bewusst sein, dass die Freude sich lediglich als Vorfreude auf den erhofften Sex entpuppen kann. Sicher sein, ob der Andere genauso fühlt, kann man sich nie; nach sehr kurzer Zeit ist ein Vorausahnen der Gefühle des Anderen aber zumindest trotz überzeugenden Flirtens kaum möglich und nur dann halbwegs erfolgsversprechend, wenn man sich der Gefühle des Anderen sehr sicher fühlt.

Übrigens scheint es laut Ackerman und Kollegen (im Druck) durchaus verbreitet zu sein nach circa 4-5 Monaten von Liebe zu sprechen und insgesamt scheint die Liebe von den meisten Menschen wohl doch eher positiv als panikbezogen wahrgenommen zu werden, wie Topolinski (im Druck) in einer witzigen Studie zu einem anderen Thema zeigte, aber dazu vielleicht später einmal mehr…

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Vielen Dank an dieser Stelle insbesondere an Stefan und Sascha für anregende Diskussionen zu diesem Thema. Beim nächsten Mal geht es in der Reihe Labor meets Liebe übrigens um die Frage Familie als Glücksbringer?